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„Christopher Robin“ im Kino : Von nichts und wieder nichts kommt doch etwas

Ewan McGregor als Christopher Robin und Winnie Puuh: Der Film läuft seit dem 16. August in deutschen Kinos. Bild: dpa

„Christopher Robin“ oder Erwachsensein als Falle: Disney hat die Rückkehr von Pu dem Bären verfilmt – mit einer fragwürdigen Moral.

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          Es geht um nichts. „Von nichts kommt nichts“, sagt der missratene Sohn des Londoner Kofferherstellers Winslow zum gehetzten Leiter seiner Effizienzabteilung. Er will ihn nötigen, sich noch mehr abzumühen an den roten Zahlen der Firma. Mit dem Satz „Ich werde nicht mehr nichts machen“ hatte Christopher Robin, jener Abteilungsleiter, sich als Junge einst von den lebenden Stofftieren im Hundert-Morgen-Wald seiner Kindheit verabschiedet, als ihn die Eltern aufs Internat schickten. „Nichtstun“ versetzte damals Winnie-the-Pooh, der berühmteste Bär von sehr geringem Verstand, „führt oft zum besten Irgendetwas.“ Wir verstehen: Es geht um den Sinn von Zeitverschwendung.

          Nach dem Internat trifft Christopher Robin, glänzend gespielt von Ewan McGregor, eine durchaus liebe Frau, der Zweite Weltkrieg trennt die Eheleute, die Tochter lernt er erst nach seiner Rückkehr kennen. Aber weil er ständig im Büro ist, sieht er sie und seine Frau kaum. Wir übrigens auch, weil Hayley Atwell als Gattin in diesem Film leider nicht viel mehr machen darf als dauernd ein enttäuschtes Gesicht. Der Tochter erklärt der Vater bedauernd: „Von nichts kommt nichts.“ Die Tochter wird es später ihrerseits zu den Stofftieren sagen.

          Das ist ziemlich viel Nichts für einen Film. Läge der Hundert-Morgen-Wald in Fontainebleau und nicht in Sussex – obwohl im Original alle Tiere merkwürdigerweise mit amerikanischem Akzent sprechen –, man würde denken, der zeitgenössische Existentialismus hätte sich des Kinderbuchs bemächtigt. Der Film zweigt aus ihm die Figuren und ein paar Aphorismen zur Lebensweisheit ab: „Die Leute sagen, nichts ist unmöglich, aber ich tue den ganzen Tag nichts.“ Aber er opfert viel von dem nichthöheren Blödsinn, den die Viecher der Vorlage ständig von sich geben. Nur der Esel I-Ah überzeugt völlig, was den Eindruck einer zutiefst tristen Geschichte – „Spaß? Wie mache ich das?“, fragt die Tochter einmal – noch verstärkt. Denn I-Ah ist der Ultrapessimist dieser hier sehr gekonnt animierten Truppe.

          Sie tritt erneut ins Leben des gestressten Christopher Robin ein. Doch weshalb eigentlich? Sein Wunsch ist es nicht, den lebendigen Phantasien seiner Kindheit begegnet er eher widerwillig. Plausibel wirkt es ohnehin nicht: Ach, ja, stimmt, ich hatte einst Umgang mit sprechenden Stofftieren! Dass ihn Winnie-the-Pooh in London aufsucht, um die Midlife-Crisis des Kindheitsfreundes aufzumischen, wirkt, wie der ganze Plot, ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Der traurige Held wiederum reist nach Sussex, weil ihm Pooh die ferienhalber vereinsamte Londoner Wohnung zerlegt. Trotz Eintauchens in die vergangene Zeit des Unbeschwertseins muss er aber schnell wieder zurück, denn der Chef ruft. Es folgen ihm die Tochter und die Tiere, um ihm die Effizienzberechnungen zu bringen, die er im Kindheitsgarten hat liegen lassen. Ihnen wiederum jagt die Gattin nach, so dass am Ende, wie es sich gehört, alle beieinander sind.

          „Gestern und morgen war es zu viel Tag für mich“, resümiert der Bär diese Abenteuer. Ein guter Ausdruck dafür, wie Landbewohnern ein Besuch in der Metropole vorkommt. Und Lesern manchmal der Besuch im Kino. Man glaubt diesem Film nicht, was er als Botschaft vor sich herträgt: dass Zeitverschwendung etwas Gutes ist. Dazu wird sie hier viel zu hektisch verschwendet. Die Zeit im Kino zu dehnen, ist nicht einfach.

          Die Interpretation des Kostenrechners

          Kurios ist der Schluss. Zunächst denkt man, es sei ein zeithistorischer Scherz. Denn die ihm abverlangten Entlassungen vermeidet Christopher Robin, indem er, passend zu den fünfziger Jahren, vom Kostensparen zu einer Art Münchhauseneffizienz übergeht. Könnte sich nicht, schlägt er vor, die Kofferfirma retten, indem sie allen ihren Angestellten bezahlten Urlaub gibt, für den diese sich dann wiederum Koffer kaufen? Geniale Idee, Christopher Robin Keynes: Anstatt uns selbst totzusparen, lasst uns lieber konsumieren. So weit, so witzig.

          Aber nicht in einem Film, dessen Motto jener schöne Satz ist: „Nichtstun führt oft zum besten Irgendetwas.“ Denn jetzt versteht man ihn nicht mehr als Lob der Langeweile, des Unfugs und der Faulheit, der terminbefreiten Zeit und des In-den-Tag-Hineinlebens, aus dem die Phantasie entspringt. Sondern man begreift ihn als Satz eines Kostenrechners, der zum Verkaufschef wurde: Das Nichtstun ist die Freizeit, und das beste Irgendetwas, das sie hervorbringt, sind Tourismus und Unterhaltungsindustrie. Der Film handelt von sich.

          Sind wir unsererseits misanthropoisch und im Banne I-Ahs, wenn wir das beanstanden? Vor siebzehn Jahren verkaufte die Witwe von Christopher Robin Milne alle Rechte an den berühmten Kinderbüchern seines Vaters über Pu den Bären und seine Gefährten an die Firma Disney. Alan A. Milne starb 1956, also halten diese Rechte noch acht Jahre. Bis dahin kann Disney die Freizeit der Kinder noch mit Lizenzen für die Stofftiere bewirtschaften. Dass die Firma, die vom Nichtstun ihrer Kundschaft lebt, es mit diesem deprimierenden Film versucht, ist erstaunlich. Für den Preis einer Kinokarte bekommt man als Hörbuch die komplette Lesung, mit der Harry Rowohlt diesem Buch ein heiteres deutschsprachiges Denkmal gesetzt hat. Und für den Preis einer Kinokarte plus Cola und Nachos bekommt man die Gesamtausgabe mit allen Witzen – Denk darüber nach, denk darunter nach –, Bildern und Weisheiten.

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