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„Interstellar“ im Kino : Fliehkraft liebt Schwerkraft

In der Theoriegeschichte der Geometrodynamik nach Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie gibt es eine schöne Faustregel, die John Archibald Wheeler formuliert hat: Die Raumzeit sagt der Masse, wie sie sich bewegen darf, dafür sagt die Masse der Raumzeit, wie sie sich krümmen muss. „Interstellar“ übersetzt das ins Filmische: Die Erzählung sagt den Bildern, wie sie sich bewegen dürfen, die Bilder sagen der Erzählung, wohin sie wollen muss - nämlich in eine geschlossene zeitartige Kurve.

Astronautin Brand (Anne Hathaway) und Wissenschaftler Cooper auf ihrer gemeinsamen Entdeckungsreise durch die Galaxis.

Brillant kalkuliert

Ihr muss sich schließlich alles anschmiegen, was in diesem Film geschieht, und selbst der Komponist Hans Zimmer gehorcht, verzichtet also auf Mätzchen und konzentriert sich auf seine größte Stärke, den Aufschub der Erfüllung musikalischer Motive als quälend-genießerisch gehaltene Erwartungsnervosität. Man könnte „symphonisches Luftanhalten“ dazu sagen.

Im Medium dieser Musik und der Lichtarchitekturen von Van Hoytema kann Nolan das Prinzip „Projektion“ nach allen Seiten drehen und an ganz verschiedenen Gegenständen erforschen: Eine Wurmlochöffnung zeigt er als kugelförmige Projektion einer höherdimensionalen Raumzeitabkürzung, einen Tesserakt als höherdimensionale Entfaltung eines Würfels, wie die Projektion der Väter auf die Töchter und, eine Ableitung weiter, der jüngeren Vater-Tochter-Beziehung auf die ältere und schließlich die Selbstdurchdringung all dieser Spielelemente im Filmende. Das alles ist brillant kalkuliert. Denn Kalküle, nicht nur solche der Physik, setzen der visuellen Lyrik von „Interstellar“ das Versmaß. Und diese Setzungen sind nicht einfach Einschränkungen, Maßgaben oder Befehle, sondern Angebote der Notwendigkeit an die Freiheit, der Schwerkraft an die Fliehkraft: Liebe Melodie, sagen sie, wir sind dein Rhythmus, stoß dich von uns ab, spring, flieg! Wir holen dich wieder ins Ganze, falls du ins Nichts davonstürzt.

Christopher Nolan hat in seiner bisherigen Werkbiographie immer wieder gezeigt, dass er mit solchen Rhythmen umzugehen weiß, dass er die Pausen zwischen den Taktschlägen mit allen Farben zu füllen versteht, dass er clever pfeifen und geheimnisvoll summen kann. Jetzt öffnet er den Mund - unter einer neuen Sonne - und singt.

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