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„Interstellar“ im Kino : Fliehkraft liebt Schwerkraft

In diesem idiotischen (wenn auch unterhaltsamen) Zeichen setzt die etablierte Überwältigungsrandale ihre Wunder der armen Publikumserfahrung als das schlechthin Unverständliche, geistlos Entrückte vor, als etwas, das die Sprache verschlägt, das man anglotzt und vor dem man wohlig erschauert. „Interstellar“ will das Gegenteil. Der Film behauptet: Das größte Wunder ist nicht das Unverständliche, sondern die Tatsache, dass wir armen Provinzäffchen, beheimatet im entlegensten Spiralarm einer ziemlich durchschnittlichen Galaxie, bei aller Unzulänglichkeit unserer Sinnes- und Verstandeszurüstung doch vieles begreifen und einander erklären können, für zwar immer nur kurze, aber eben deshalb umso kostbarere Zeit.

Wo die schlimmste Lüge lockt

„Interstellar“ handelt von sehr allgemeinen Ideen, die schnell platt wirken könnten, weil sie Distanz zum Konkreten und Bekannten schaffen. Wer beim Filmemachen in dieser Lage nicht achtgibt, verliert die Fühlung zu den Figuren, zur Story. Nolan bleibt dran, durch fast drei Stunden, ohne Angst davor, sich nah an Abgründe des Kitsches zu wagen - weil da, wo die schlimmste Lüge lockt, nämlich die Sentimentalität, zugleich die ungeschützte Empfindung um Hilfe ruft, auf dass die Kunst sie erhöre. Der Vater sagt dem Kind, das er verlassen muss: „I love you forever, you hear me? I love you forever, and I’m coming back. I’m coming back.“

Und wieder mal: Der Weltraum, unendliche Weiten.

Es geht in der Kunst nie um Wahrheit wie in der Wissenschaft, auch nicht um Wahrhaftigkeit wie im Zwischenmenschlichen, sondern um Wahrscheinlichkeit wie im Glücksspiel. Jede ästhetische Entscheidung ist ein Münzwurf, kann glücken oder misslingen. „Interstellar“ hat viel Verstand und mehr Glück: Die Eiswolken und Wasserwüsten hier sind nicht nur Metaphern, sie riechen nach kalten, fremden Atmosphären, die Roboter wirken tatsächlich wie denkendes Werkzeug statt wie niedlich-kauzige futuristische Accessoires, und der Kosmos wird, je tiefer der Film hineinschaut, immer größer.

Wir hören durch die Kopfhörer eines der Astronauten Grillen, Regen, eine Bö - und sehen dazu den Saturn, dessen Ringkreisebene das Raumschiff kreuzt, in dem der Mensch sitzt, der jenen Klängen der Heimat lauscht. Linsenreflexe, Prismenflecken entlang einer Geraden, es ist die Achse, um deren ungreifbare Stabilität die Lichtkegel der Relativitätstheorie tanzen. „Interstellar“ begreift das Medium Film nicht als Entschleierung der Natur, sondern als Flattern des Schleiers der Kunst im Wind der Ideen. Die wichtigste dieser Ideen spricht Anne Hathaway aus, wenn sie sagt, dass die Natur zwar „formidable“ und angsteinflößend sein könne, aber nicht böse - die exakte Science-Fiction-Säkularisierung der theologischen Mutmaßung Einsteins: „Raffiniert ist der Herrgott, aber boshaft ist er nicht.“

Humane Brüchigkeit

Man kann eine solche Haltung „diesseitige Demut“ nennen. Stimme und Gesicht verleiht ihr in „Interstellar“ Michael Caine, dessen Physiker Brand nach dem großen Gravitationstheoretiker Kip Thorne modelliert ist, der bei „Interstellar“ als Berater und Koproduzent mitgeholfen hat. Caine doziert im Film über die Allgemeine Relativitätstheorie mit derselben entspannten, humanen Brüchigkeit, mit der er die berühmten „Do not go gentle“-Verse von Dylan Thomas vorträgt oder auf dem Sterbebett einen Betrug gesteht- ein überlegener Verstand im Moment der Anerkenntnis seiner Hilflosigkeit; stärker als in solcher Schwäche war dieser wunderbare Schauspieler selten.

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