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Kritik an Donnersmarck : Das bin ich, aber ich erkenn’ mich nicht

Klares Vorbild? Aus guten Gründen Fehlanzeige: Sebastian Koch spielt in „Das Leben der Anderen“ den fiktiven DDR-Dramatiker Georg Dreymann. Bild: AP

Der Schriftsteller Christoph Hein greift den Film „Das Leben der Anderen“ und dessen Regisseur an. Die Motivation ist klar: Donnersmarck ist mit „Werk ohne Autor“ nun wieder für die Oscars nominiert – und steht in der Kritik.

          Es gibt keinen Vorspann in Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“. Erst nach etwas mehr als sechs Handlungsminuten wird kurz der Titel eingeblendet, und damit hat es sein Bewenden. Was mag also der Schriftsteller Christoph Hein gesehen haben, als er 2006 die Premiere besuchte und, wie er schreibt, „überrascht war, als mein Name im Vorspann auftauchte und mir für meine Mitarbeit gedankt wurde“?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So schildert es Hein in seinem für März bei Suhrkamp angekündigten Buch „Gegenlauschangriff“ mit „Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“. Die „Süddeutsche Zeitung“ druckte den daraus entnommenen Text über Donnersmarcks oscarprämiertes Werk in der vergangenen Woche schon einmal ab, mit der Unterzeile „Warum ich meinen Namen aus dem Vorspann des Filmes ,Das Leben der Anderen‘ gleich nach der Premiere habe löschen lassen“. Die Motivation für diese Publikation ist klar: Donnersmarck ist mit seinem neuen Film „Werk ohne Autor“ nun wieder für die Oscars nominiert, und schon vor dessen Kinostart im vergangenen Jahr hatte es einiges Gerede darüber gegeben, dass der Maler Gerhard Richter sein Leben darin nicht richtig wiedergegeben fand.

          Von Löschung keine Spur

          Hein ist betreffs „Das Leben der Anderen“ in eigener Sache derselben Ansicht: „Alles, was ich (Donnersmarck) ein paar Jahre zuvor erzählt hatte, war von ihm bunt durcheinandergemischt und dramatisch oder vielmehr sehr effektvoll melodramatisch neu zusammengesetzt worden. Im Kino sitzend, hatte ich erstaunt auf mein Leben geschaut. So war es zwar nicht gewesen, aber so war es viel effektvoller.“ An diesen Sätzen ist jedoch einiges falsch.

          Fangen wir mit dem Zeitpunkt des erwähnten persönlichen Gesprächs zwischen ihm und Donnersmarck an, das laut Hein auf Vermittlung Ulrich Mühes, eines der Hauptdarsteller des Films, im Jahr 2002 stattgefunden haben soll. Bei diesem Treffen habe sich der Regisseur stundenlang vom Schriftstellerleben in der DDR erzählen lassen und daraufhin erst sein Drehbuch verfasst. Der Haken: Mühe und Donnersmarck kannten sich 2002 noch gar nicht, beide lernten sich erst später kennen, als der Regisseur dem Schauspieler das Drehbuch schickte, um ihn für eine Rolle zu gewinnen. Der Zeitpunkt des von Mühe angeregten Gesprächs zwischen Donnersmark und Hein muss also später gewesen sein, und dessen Verlauf kann keinen großen Einfluss mehr auf die bereits niedergeschriebene Geschichte gehabt haben. Hein aber behauptet, Donnersmarck sei von seinen Erzählungen so sehr beeindruckt gewesen, dass er eine Danksagung in den Vorspann setzen ließ – die es indes mangels Vorspann nie gegeben haben kann. Was es gab, war eine Nennung Heins sehr spät im Abspann als „Historischer Berater“, als letzter von deren dreizehn. Diese Erwähnung gibt es heute dort immer noch, von Löschung keine Spur.

          Bunt durcheinandergemischter Unsinn

          Niemand außer Hein nun selbst hat je vermutet, dass er das Vorbild für den von Sebastian Koch gespielten Dramatiker Georg Dreymann aus „Das Leben der Anderen“ gewesen sein könnte. Wie auch, wo es sich bei Dreymann doch um einen Dramatiker handelt? Zwar hat auch Hein Theaterstücke geschrieben, aber bekannt wurde und ist er als Erzähler. In den achtziger Jahren wurde der 1944 geborene Autor zu einem der prominentesten Schriftsteller in der DDR.

          Der Schriftsteller Christoph Hein

          Zum zitierten „bunt Durcheinandergemischten“ bei Donnersmarck gehört für Hein gemäß seinen persönlichen Erfahrungen die Stasi-Überwachung, deren Opfer im Film Dreymann als einer der berühmtesten Autoren der DDR wird, und die daraus resultierende lebensbedrohliche Bedrängung seiner Geliebten – als „Unsinn“ fertigt der reale prominente DDR-Autor diese Handlungselemente in seiner Anekdote ab. Er selbst sei als Student zwar in den sechziger Jahren überwacht worden, aber „in den Achtzigern sah es inzwischen anders aus“. Will wohl sagen: Als Berühmtheit hatte man wenig zu fürchten, auch wenn Christa Wolf – noch um einiges berühmter als Hein – in der autobiographischen Erzählung „Was bleibt“ von einer Rund-um-die-Uhr-Überwachung ihres Hauses noch im Jahr 1979 erzählt hat. Und für die Achtziger muss man nur ans Schicksal von Monika Maron erinnern, die bis zu ihrer Ausreise 1988 ständig von der Stasi observiert wurde.

          Die relativierende Pose ist frivol

          Aber Christoph Hein kennt offenbar niemand anderen als sich und erkennt sich deshalb auch so sicher in der Filmfigur Georg Dreymann wieder. Der versucht, einen Artikel über die verschwiegenen Selbsttötungen in der DDR in den Westen zu schmuggeln, was Hein „sofort als Anspielung auf meine Anti-Zensur-Rede von 1987 erkannte“, die er damals auf dem X.Schriftstellerkongress der DDR hielt und dann in der westdeutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ publizieren ließ. Was an einem heimlich geschriebenen Artikel an einen öffentlich gehaltenen Vortrag erinnert, ist rätselhaft, aber Hein braucht den Vergleich für seine Insinuation, dass man damals in der DDR viel mehr hätte sagen können, als „Das Leben der Anderen“ behauptet: „Der Film ist ein Gruselmärchen, das in einem sagenhaften Land spielt, vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde.“ Was denken wohl andere ehemalige Bewohner dieses Landes über solche angebliche Phantastik, etwa die Schriftsteller Gert Neumann oder Wolfgang Hegewald, beide in den achtziger Jahren noch dort und kräftig schikaniert? Dass der Film den herausgeschmuggelten Suizid-Artikel auf 1985 datiert und nicht auf die Zeit der schon zerbröselnden DDR von 1989, wie Hein behauptet, sei hier nur erwähnt, um die Genauigkeit seiner Erinnerung zu charakterisieren.

          Die relativierende Pose, die der Schriftsteller in seiner Anekdote gegenüber der DDR einnimmt, ist frivol – gerade weil sie dem besseren Teil von Heins eigenem Werk widerspricht. In „Der Tangospieler“, seiner bekanntesten Erzählung, erschienen just 1989, wird der Titelheld Hans-Peter Dallow als gerade freigelassener Häftling in der DDR hinsichtlich der staatsfeindlichen Aktivitäten, die ihm einundzwanzig Monate Gefängnis einbrachten, mit dem Satz getröstet: „Heute würde man das anders sehen.“ Damals wusste Hein noch, was für einen Zynismus solche Äußerungen darstellen, die graduelle Unterschiede in einer Diktatur festhalten wollen. „Der Tangospieler“ ist 1968 angesiedelt; am Schluss des Buchs steht nach mancherlei Gerede über ein milderes System: der Einmarsch ostdeutscher Truppen in die Tschechoslowakei.

          Auch in den Achtzigern wurde noch kräftig gespitzelt: Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler in „Das Leben der Anderen“.

          Doch der Christoph Hein von heute gleicht seiner Figur Willenbrock aus dem 2000 erschienenen gleichnamigen Roman. Willenbrock will nach der Wende von den Erinnerungen an ihre Bespitzelung in der DDR nicht mehr belästigt werden und nimmt deshalb nicht dem Spitzel die Sache übel, sondern derjenigen Person, die ihm davon erzählt hat. Die Selbstverleugnung des Wissens um die eigenen tristen Lebensumstände hatte Hein damals noch klug in seinen Roman integriert; jetzt hat sie ihn selbst ereilt.

          Ein Schriftsteller sollte wissen, was Fiktion ist

          Und nebenbei offenbart seine Anekdote zum „Leben der Anderen“ ein Fiktionsverständnis, das für einen Romancier in der Tat als Offenbarungseid gewertet werden muss – gerade im Kontext der jüngsten Debatte um Robert Menasses hanebüchene Behauptung, Walter Hallstein habe seine Antrittsrede als EWG-Kommissionsvorsitzender 1958 in Auschwitz gehalten. Hein bringt dasselbe Argument – Verfälschung der Wahrheit – gegen Donnersmarck in Anwendung, das Menasses Kritiker gebraucht haben, obwohl es sich bei den von ihnen inkriminierten Fiktionalisierungen um etwas ganz anderes handelt: „Das Leben der Anderen“ ist ein Spielfilm, während Menasse seine Hallstein-Behauptung zwar zunächst im Roman „Die Hauptstadt“ erzählte, sie aber seitdem mehrfach in Reden und Interviews als historische Wahrheit dargestellt hat. Dagegen hat Donnersmarck nie behauptet, dass Hein das Vorbild für Dreymann wäre – wie auch bei so wenig Ähnlichkeit? Sein Spielfilm nimmt auch nicht für sich in Anspruch, nach einer wahren Geschichte gearbeitet zu sein. Er ist eine qua Gattung ausgewiesene Fiktion, und ein Schriftsteller wie Hein sollte wissen, was das bedeutet.

          Da Donnersmarck stets betont hat, ihn habe bei seinem Drehbuch vor allem die Lebensgeschichte Wolf Biermanns inspiriert, konzediert ihm Hein, der ja nur sich in Dreymann sehen mag, ironisch-großzügig: „Ich scheue mich, seinen Hinweis eine Lüge zu nennen. Weiß ich doch, dass es neben der Wahrheit noch die melodramatische Wahrheit gibt und neuerdings die alternativen Fakten.“ Ach ja, das neue Totschlagwort. Wenn hier jemand alternative Fakten zu schaffen versucht, dann ist es Christoph Hein.

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