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Kritik an Donnersmarck : Das bin ich, aber ich erkenn’ mich nicht

Die relativierende Pose ist frivol

Aber Christoph Hein kennt offenbar niemand anderen als sich und erkennt sich deshalb auch so sicher in der Filmfigur Georg Dreymann wieder. Der versucht, einen Artikel über die verschwiegenen Selbsttötungen in der DDR in den Westen zu schmuggeln, was Hein „sofort als Anspielung auf meine Anti-Zensur-Rede von 1987 erkannte“, die er damals auf dem X.Schriftstellerkongress der DDR hielt und dann in der westdeutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ publizieren ließ. Was an einem heimlich geschriebenen Artikel an einen öffentlich gehaltenen Vortrag erinnert, ist rätselhaft, aber Hein braucht den Vergleich für seine Insinuation, dass man damals in der DDR viel mehr hätte sagen können, als „Das Leben der Anderen“ behauptet: „Der Film ist ein Gruselmärchen, das in einem sagenhaften Land spielt, vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde.“ Was denken wohl andere ehemalige Bewohner dieses Landes über solche angebliche Phantastik, etwa die Schriftsteller Gert Neumann oder Wolfgang Hegewald, beide in den achtziger Jahren noch dort und kräftig schikaniert? Dass der Film den herausgeschmuggelten Suizid-Artikel auf 1985 datiert und nicht auf die Zeit der schon zerbröselnden DDR von 1989, wie Hein behauptet, sei hier nur erwähnt, um die Genauigkeit seiner Erinnerung zu charakterisieren.

Die relativierende Pose, die der Schriftsteller in seiner Anekdote gegenüber der DDR einnimmt, ist frivol – gerade weil sie dem besseren Teil von Heins eigenem Werk widerspricht. In „Der Tangospieler“, seiner bekanntesten Erzählung, erschienen just 1989, wird der Titelheld Hans-Peter Dallow als gerade freigelassener Häftling in der DDR hinsichtlich der staatsfeindlichen Aktivitäten, die ihm einundzwanzig Monate Gefängnis einbrachten, mit dem Satz getröstet: „Heute würde man das anders sehen.“ Damals wusste Hein noch, was für einen Zynismus solche Äußerungen darstellen, die graduelle Unterschiede in einer Diktatur festhalten wollen. „Der Tangospieler“ ist 1968 angesiedelt; am Schluss des Buchs steht nach mancherlei Gerede über ein milderes System: der Einmarsch ostdeutscher Truppen in die Tschechoslowakei.

Auch in den Achtzigern wurde noch kräftig gespitzelt: Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler in „Das Leben der Anderen“.

Doch der Christoph Hein von heute gleicht seiner Figur Willenbrock aus dem 2000 erschienenen gleichnamigen Roman. Willenbrock will nach der Wende von den Erinnerungen an ihre Bespitzelung in der DDR nicht mehr belästigt werden und nimmt deshalb nicht dem Spitzel die Sache übel, sondern derjenigen Person, die ihm davon erzählt hat. Die Selbstverleugnung des Wissens um die eigenen tristen Lebensumstände hatte Hein damals noch klug in seinen Roman integriert; jetzt hat sie ihn selbst ereilt.

Ein Schriftsteller sollte wissen, was Fiktion ist

Und nebenbei offenbart seine Anekdote zum „Leben der Anderen“ ein Fiktionsverständnis, das für einen Romancier in der Tat als Offenbarungseid gewertet werden muss – gerade im Kontext der jüngsten Debatte um Robert Menasses hanebüchene Behauptung, Walter Hallstein habe seine Antrittsrede als EWG-Kommissionsvorsitzender 1958 in Auschwitz gehalten. Hein bringt dasselbe Argument – Verfälschung der Wahrheit – gegen Donnersmarck in Anwendung, das Menasses Kritiker gebraucht haben, obwohl es sich bei den von ihnen inkriminierten Fiktionalisierungen um etwas ganz anderes handelt: „Das Leben der Anderen“ ist ein Spielfilm, während Menasse seine Hallstein-Behauptung zwar zunächst im Roman „Die Hauptstadt“ erzählte, sie aber seitdem mehrfach in Reden und Interviews als historische Wahrheit dargestellt hat. Dagegen hat Donnersmarck nie behauptet, dass Hein das Vorbild für Dreymann wäre – wie auch bei so wenig Ähnlichkeit? Sein Spielfilm nimmt auch nicht für sich in Anspruch, nach einer wahren Geschichte gearbeitet zu sein. Er ist eine qua Gattung ausgewiesene Fiktion, und ein Schriftsteller wie Hein sollte wissen, was das bedeutet.

Da Donnersmarck stets betont hat, ihn habe bei seinem Drehbuch vor allem die Lebensgeschichte Wolf Biermanns inspiriert, konzediert ihm Hein, der ja nur sich in Dreymann sehen mag, ironisch-großzügig: „Ich scheue mich, seinen Hinweis eine Lüge zu nennen. Weiß ich doch, dass es neben der Wahrheit noch die melodramatische Wahrheit gibt und neuerdings die alternativen Fakten.“ Ach ja, das neue Totschlagwort. Wenn hier jemand alternative Fakten zu schaffen versucht, dann ist es Christoph Hein.

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