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Christine Kaufmann : Kein Tag ohne Adorno

  • -Aktualisiert am

Die leise Schöne: Christine Kaufmann Bild: dpa/dpaweb

Sie machte Karriere in Hollywood und hätte eine deutsche Audrey Hepburn werden können, doch ihre Magie wurde auch ihr Fluch. An diesem Dienstag wird die Schauspielerin Christine Kaufmann sechzig.

          Als junge Frau war sie zum Niederknien schön. Dabei war Christine Kaufmann, als allein ihre Erscheinung so dumme Machwerke wie 1959 den italienischen Sandalenfilm „Die letzten Tage von Pompeji“ adelte, eigentlich noch ein Kind.

          Mit vierzehn Jahren - der Körper eine Frau, die ergreifend traurigen Augen ein Kind - schwebte sie unberührbar durch die antiken Kulissen, so wie sie mit neun als „Rosen-Resli“ das deutsche Filmpublikum verzaubert hatte. Ihre Magie wurde bald auch ihr Fluch. Denn Christine Kaufmanns verletzliche Aura und ihr leises Spiel führten bei vielen deutschen Regisseuren zu dem Vorurteil, sie sei völlig talentlos. Weder die wenigen Szenen, in denen sie als wehrloser Internatszögling 1958 in „Mädchen in Uniform“ der Strahlkraft sogar einer Romy Schneider standhielt, noch die Erfolge im französischen und italienischen Film jener Ära bewogen die hiesigen Filmschaffenden, genauer hinzuschauen.

          Beginn einer Hollywoodkarriere

          Es blieb Hollywood vorbehalten, die Begabung der Scheuen leuchten zu lassen: 1961, fünfzehnjährig, besiegte sie bei Probeaufnahmen für Gottfried Reinhardts „Stadt ohne Mitleid“ mehr als dreißig Konkurrentinnen. Neben Kirk Douglas spielte sie ein Kleinstadtmädchen, das vergewaltigt wird und an diesem Erlebnis, vor allem aber am dumpfen Schweigen der Provinz zerbricht. Die Rolle brachte ihr den Golden Globe und den Beginn einer Hollywoodkarriere.

          Christine Kaufmann 1964 mit Ehemann Tony Curtis und Tochter Alexandra

          Bestaunt wurde ihr Spiel in „Tunnel 28“, einem Berliner Flüchtlingsdrama, und in „Neunzig Minuten nach Mitternacht“. Das Historienspektakel „Taras Bulba“ zeigte sie 1962 an der Seite von Yul Brunner und Tony Curtis. Letzterer wurde ihr Mann. Amerika war entsetzt über die vorhergehende Scheidung, die Curtis hingelegt hatte, Deutschland, auf dem Höhepunkt der Adenauer-Bigotterie, reagierte, als habe die knapp Achtzehnjährige verkündet, ihre Laufbahn auf den Straßenstrich verlegen zu wollen.

          Ihre zweite Chance

          Christine Kaufmann, gewillt, Gattin und Mutter zu sein, zog sich vom Film zurück. Ihre zweite Chance, nach dem Zerbrechen der Ehe und der Rückkehr nach Deutschland, kam 1969 mit Fernsehrollen. Zur wieder ernst zu nehmenden Schauspielerin freilich machten sie Werner Schroeter und Peter Zadek. Schroeter besetzte sie 1971 in seinem Film „Der Tod der Maria Malibran“ und holte sie 1972 mit einer umstrittenen „Salome“ auf die Bühne in Bochum. Zadek eröffnete 1985 mit Christine Kaufmann als John Websters „Herzogin von Malfi“ seine Hamburger Intendanz.

          „Ich weiß, daß ich nicht immer gut war, aber ich wirkte immer begabt“, hat Christine Kaufmann von sich gesagt. Es war wohl diese Genügsamkeit, die sie befähigte, 1979 am Saarbrücker Landestheater die Kritik als Wedekinds „Lulu“ zu verblüffen und sich dennoch 1981 mit - immerhin prägnanten - Nebenrollen in Rainer Werner Fassbinders „Lola“ und „Lili Marleen“ zu begnügen. Unerwartet war 1983 ihr furioser Wechsel zur Komik als verschrobene „Brillenschlange“ in Helmut Dietls Fernsehserie „Monaco Franze“. Woher sie die Kraft nahm, blieb so rätselhaft wie ihr Motto „Kein Tag ohne Adorno“, mit dem sie einmal die Leser dieser Zeitung irritierte.

          Exzentrische Bücher

          In den letzten Jahren, während denen Christine Kaufmann, die eine deutsche Elizabeth Taylor, eine Catherine Deneuve oder Audrey Hepburn hätte werden können, einzig durch exzentrische Bücher und esoterisch parfümierte eigene Kosmetikserien auffiel, holte Peter Zadek sie 2001 für eine Doppelrolle in Marlowes „Juden von Malta“ ans Burgtheater.

          Wieder war ein Makel bemerkbar, der die große Bühnenkarriere verhinderte und den die mit ihren (von diesem Dienstag an) sechzig Jahren noch immer makellos Schöne nie los wurde - oder den sie pflegte: eine extrem leise, wenig tragfähige Stimme. Vielleicht findet sich endlich ein Filmregisseur, der, wissend, daß dies für Kamera und Mikrofon unwichtig ist, ihr übriges großes Können nutzt.

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