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Christian Petzolds „Jerichow“ in Venedig : Die Tränen der Frauen

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Übers Dreieck gespielt: Nina Hoss, Benno Fürmann (l.) und Hilmi Sözer in „Jerichow” Bild: Christian Schulz

Mit seinem venezianischen Wettbewerbsbeitrag „Jerichow“ ist Christian Petzold eine faszinierende Fortschreibung seiner Filmographie gelungen, mit unnachahmlichem Blick auf Landschaften vorgetragen, mit knappen Strichen skizziert.

          Wenn man einen deutschen Film auf einem großen ausländischen Festival im Wettbewerb sieht, dann fragt man sich unwillkürlich immer, wie wohl die anderen darauf blicken, was für einen Eindruck sie von unserem Land und vom Stand seiner Kinematografie bekommen und wie wohl die fremde Sprache wirkt, deren Sinn sie den Untertiteln entnehmen müssen. Bei Christian Petzolds „Jerichow“ konnte man sich eine Zeitlang ausmalen, dass einem fremden Blick der Film wohl ziemlich russisch vorkommen könnte: Wortkarge sehnige Männer schweigen sich an, kurze Ausbrüche jäher Gewalt, und die Landschaft liegt im Wind und schweigt dazu. Man braucht dann einige Zeit, um den fremdelnden Blick abzulegen und sich im eigenen Land heimisch zu fühlen. Andererseits ist die Prignitz eine so gottverlassene Gegend, die bei Petzold vor allem aus einsamen Häusern, Imbissständen, Getränkemärkten und langen Autofahrten dazwischen besteht und in der die Träume der drei Leute, um die es geht, schnell vom weiten Himmel verschluckt werden, dass sie ohnehin ziemlich fremd wirkt.

          Drei Menschen: ein Ex-Soldat (Benno Fürmann), der das Haus seiner verstorbenen Mutter renovieren will, aber das nötige Geld früh an einen Schuldner verliert; ein älterer Türke (Hilmi Sözer), der eine Kette mit Imbissbuden betreibt, die er täglich abklappern muss, wofür er den Ex-Soldaten als Fahrer einstellt; und seine junge Frau (Nina Hoss), von der man erstmal nicht weiß, was sie an ihn bindet, weil der Film sie im Hintergrund hält, wo sie sich eher mürrisch ihren Pflichten widmet. Dass sich Frau und Fahrer verlieben werden, liegt in der Natur der Konstellation.

          Ein Kammerspiel der Leidenschaften unter freiem Himmel

          Es gibt bei Petzold ja immer Filmvorbilder, die lose einen Plot oder ein Thema vorgeben, in denen sich seine Filme dann auf die eine oder andere Weise spiegeln. Für „Die innere Sicherheit“ war das Bigelows „Near Dark“, für „Wolfsburg“ Chabrols „Das Biest muss sterben“, für „Yella“ „Carnival of Souls“ – und nun ist es eben „The Postman Always Rings Twice“. Das ist im Grunde eine praktikable Methode – denn Petzold dreht keine Remakes, sondern seine Filme sind Wiedergänger, Phantomgeschichten, denen wie Untoten kaum mehr als eine Erinnerung an ihre Vorgänger eingeschrieben ist und die ihrem Muster trotzdem wie unter Zwang folgen.

          Ein Kammerspiel unter freiem Himmel

          Ungünstig ist jedoch, wenn man als Zuschauer die Erinnerung an die Vorbilder nicht abschütteln kann, wenn man sich also im falschen Moment daran erinnert, mit welcher Gier Jack Nicholson über Jessica Lange hergefallen ist, weil die Beziehung zwischen Fürmann und Hoss bei aller stummen Sehnsucht so lasch bleibt. Andererseits hat das bei Petzold natürlich auch System, dass alle so gefangen sind in ihrem deutschen Erwerbsalltag, dass sie nicht den Küchentisch leerfegen und es im Mehl treiben können, sondern wie Teenager heimlich Berührungen stehlen, damit Daddy sie nicht ertappt. Petzold zieht das zu einem Kammerspiel der Leidenschaften unter freiem Himmel zusammen, ein beklemmendes Picknick am Ostseestrand, eine Scharade am Waldesrand, ein Showdown an der Steilküste am Meer – das sind manchmal fast Operationen am offenen Herzen wie bei Fassbinder, und dann ist es wieder reiner Petzold, wenn Nina Hoss verzweifelt den Namen ihres Geliebten in den dunklen Wald hineinruft und man nicht weiß, welcher der beiden Männer sich aus der Finsternis schälen wird.

          Hier wird man später finden, wie es in diesem Land aussah

          Mit „Jerichow“ ist Petzold eine faszinierende Fortschreibung seiner Filmographie gelungen, mit unnachahmlichem Blick auf Landschaften vorgetragen, mit knappen Strichen skizzierte Lebenswelt und Arbeitsalltag – und wenn man Generationen später wissen will, wie es in diesem Land aussah, was die Menschen gemacht und wie sie gefühlt haben, dann wird man es hier finden. Weil seine Neugier auf das, was abseits der Filmvorbilder liegt, eben doch viel größer ist als sein Interesse an dem, was sie als Spur vorzeichnen.

          Ein weiterer Phantomfilm lief außer Konkurrenz : „Shirin“ von Abbas Kiarostami. Zweiundneunzig Minuten lang sieht man Frauen, die in einem Kino ein (fiktives) persisches Melodram um eine Heldin namens Shirin ansehen. Nur ihre Gesichter, nur ihre Blicke, nur die Emotionen, die sich in ihnen widerspiegeln. Dieses Kunstwollen ist für den Zuschauer natürlich eine Prüfung, aber das Konzept geht auf. Die Handlung des unsichtbaren Films hört man nur (oder liest sie in den Untertiteln), aber sie spielt auch nicht wirklich eine Rolle, weil man sich irgendwann ganz der Schönheit dieser Frauen überlässt – oder vielmehr der überwältigenden Ungeschütztheit ihrer Züge, der (eingebildeten) Wahrhaftigkeit ihrer Reaktionen.

          So um die hundert Frauen sitzen in diesem Kino, ob jung oder alt, alle im Tschador und alle ganz und gar dem Filmerleben hingegeben. (Unter ihnen rätselhafterweise – im Abspann ausgewiesen, aber keineswegs mit einer Sonderbehandlung versehen – auch Juliette Binoche. Im Ernst!) Gelegentlich sieht man im Anschnitt Männer, aber sie sind nur Staffage. „Shirin“ ist eine Hommage an die Frauen, das Publikum, das Kino ganz allgemein. Und man kann lange nachdenken über die Kluft zwischen diesem Exerzitium und der offensichtlichen Gefallsucht dessen, was sie sich ansehen. Der Witz am Kino ist vielleicht, dass man das nicht als Gegensatz begreifen muss.

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