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Choreograph Damien Jalet : „Ich wollte jede konventionelle Idee verbannen“

  • -Aktualisiert am

Tolle Truppe tanzt transgressive Träume tödlichen Terrors: Das „Suspiria“-Ensemble probt die Magie der Selbstverwandlung. Bild: Amazon Studios

Damien Jalet bereichert den Film „Suspiria“ mit seinen Choreographien. Im Interview spricht er über die Tanzkünste von Tilda Swinton und Dakota Johnson.

          6 Min.

          Sie arbeiten an Häusern wie der Pariser Oper. In der Vorbereitung für ein neues Stück hingegen durchwandern Sie Japan oder Indonesien, erforschen Rituale und andere Kulturen. Was hat Sie dazu gebracht, das Remake eines Horror-Thrillers mitzugestalten?

          Das Original, „Suspiria“ von Dario Argento, war für mich ein enorm wichtiger Film, von dem Moment an, als ich ihn zum ersten Mal sah. Seither habe ich ihn ungezählte Male angeschaut. Als Choregraph gefällt mir natürlich die Idee, Hexenkunst und Tanz zu verbinden. Dieser Film strahlt eine ungeheure Freiheit aus und eine instinktive, aus den Tiefen kommende Energie. Die stilistische Freiheit ist bemerkenswert, ebenso die unkonventionelle Weise, wie der Film geheimnisvolle Spannung erzeugt. Als Luca Guadagnino mich fragte, ob ich an einem Remake mitwirken würde, war ich begeistert, und zugleich schoss sofort der Gedanke durch meinen Kopf, wie um Himmels willen ein Remake von „Suspiria“ überhaupt zu machen sei. Als ich Luca traf, erklärte er mir, der Tanz werde das Medium sein, das die Magie im Film transportiere, durch den Tanz würde die Macht dieser Frauen spürbar. Im Original bildet der Tanz eher den attraktiven Hintergrund, es geht um klassisches Ballett, hübsch und dekorativ. Luca hingegen versicherte mir, in seiner Version würde der Tanz eine zentrale Funktion einnehmen, und er würde mir alle Freiheiten lassen. Tatsächlich ist der Tanz omnipräsent im Film, keiner der Schlüsselmomente der Geschichte wird ohne Tanz erzählt.

          Das Ritual empfinden Sie als Quelle des Tanzes.

          Viele meiner Werke beschäftigen sich mit magischen Vorgängen, Orten und Ritualen. Mein erstes Stück hieß „Three Spells“ (Drei Zaubersprüche). Im Gespräch mit Luca stellte sich eine fast unheimliche Koinzidenz heraus. Sein Team hatte über eine Performance gesprochen, die ich im Louvre gezeigt hatte: „Les Médusées“. Ich hatte 2013 meinen Tänzern, mit denen ich im Louvre arbeitete, zur Vorbereitung das Original von „Suspiria“ gezeigt. Nach der Premiere erkannte niemand die Zusammenhänge, aber ich hatte während der Proben den Rhythmus des Soundtracks im Ohr. Und es passt auch inhaltlich, denn die Figur der Medusa repräsentiert für mich am besten weibliche Wut, weibliche Raserei. Sie ist eine von drei Schwestern, den Gorgonen, und das korrespondiert mit den drei Müttern in „Suspiria“. Auch war „Les Médusées“ eine Arbeit, die für dreihundertsechzig Grad Blickwinkel konzipiert war, man konnte um die Performer herumgehen. In dem Film geht es um Frauen, die Widerstand leisten und die Kunst als eine Waffe begreifen.

          Erklären Sie uns bitte den Übergang von einem Stoff zum anderen.

          Damien Jalet
          Damien Jalet : Bild: Imago

          Der Tanz ist in „Suspiria“ polyphon, jede Tänzerin verkörpert eine eigene Stimme, und das macht es sehr schwierig, denn man muss die ganze Zeit beim Tanzen zählen. Keine Tänzerin folgt einfach nur den musikalischen Rhythmen. Und das passt zu den Frauenrollen in „Suspiria“, sie leisten Widerstand, sie versuchen, mit etwas zu brechen. Das passt zu den Intentionen des Drehbuchs. David Kajganich hat sich beim Schreiben von verschiedenen berühmten modernen Choreographinnen inspirieren lassen, die eines gemeinsam hatten. Es ging ihnen darum, den Bann zu brechen, mit dem besonders der weibliche Körper belegt schien, darum, diese konventionelle Form der Repräsentation des Körpers im Tanz zu verändern. In „Les Médusées“ war ich inspiriert durch die mythologische Figur der Nymphe. Überall ist weibliche Energie, aber das Bild der Nymphe gestalteten Männer. Es gibt ein Trio, in dem sich die Frauen nur von einer Pose in die nächste bewegen, immer geprägt durch diese idealen, klassischen weiblichen Figuren. Und diesen Bann gilt es zu brechen.

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