https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/chirurgie-ist-der-neue-sex-so-war-das-filmfestival-in-cannes-2022-18060020.html

Filmfestival von Cannes : Chirurgie ist der neue Sex

Cannes’ ganzer Glamour - die indische Schauspielerin Aishwarya Rai auf dem roten Teppich bei der Premiere des Films „Armageddon Time“. Bild: AFP

Lebe wohl, Babylon: Tom Cruise kam zum 75. Geburtstag, im Wettbewerb überzeugten vor allem die Filme von Veteranen wie Cronenberg und den Dardenne-Brüdern. Ein Rückblick auf das Festival.

          6 Min.

          Sein stärkstes Zeichen setzte das Festival gleich zu Beginn. Die Patrouille de France, die Kunstflugstaffel der französischen Luftwaffe, malte mit den Düsen ihrer Alpha Jets eine Trikolore in den Himmel über der Croisette. Die Ehrung galt keinem einheimischen Film, sondern der Fortsetzung des 36 Jahre alten Blockbusters „Top Gun“, und der Mann, der sie entgegennahm, war nie Stammgast in Cannes: Tom Cruise.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nachdem ihn das Galapublikum im Festivalpalast mit stehenden Ovationen gefeiert hatte, sagte er den entwaffnendsten Satz, den ein Hollywoodschauspieler zu seinen Fans sagen kann: „Ihr seid mein Leben.“ So umarmten sie sich, der Star und das Festival, dessen roter Teppich zu den Sternen führt. Auf den Film, der anschließend gezeigt wurde, kam es nicht mehr an. Man sollte solchen Versöhnungen nicht trauen. Diesmal musste man es.

          Kurz zuvor, bei einer Fragestunde (hier heißt sie „Rendezvous“) vor tausend Zuhörern im zweitgrößten Festivalkino, hatte man allerdings erfahren, dass die Jugendlichkeit, die Cruise in „Top Gun: Maverick“ immer noch ausstrahlt, das Ergebnis harter Arbeit und schmeichelhafter Beleuchtung ist. Der knapp Sechzigjährige sieht jetzt nicht wie der junge Tom aus, sondern mehr wie der späte James Garner.

          Von den besten in die gerade noch guten Jahre

          Aus den besten Jahren wechselt er in die gerade noch guten. Das gilt auch für das Festival, das in diesem Jahr 75 wird, aber dieses Jubiläum nur bedingt wahrhaben will. Zwar hängen überall in den Straßen und an jedem Bauzaun Poster von damals, als Romy Schneider, Marcello Mastroianni, Martin Scorsese und tutti quanti in Cannes Hof hielten. Aber die Handvoll Filmklassiker, die man für diesen Anlass restauriert und digitalisiert hat, läuft in kleinen Sälen oder nachts an einem fernen Strand.

          Dabei schaut dem Festival sein Alter aus jedem Knopfloch. Diesmal lief kein einziger Debütfilm im Wettbewerb. Dafür stammten zwei Drittel der Beiträge von Regisseuren, die schon mindestens einmal einen der Hauptpreise gewonnen haben. Das gilt auch für den Schweden Ruben Östlund und die belgischen Dardenne-Brüder, die eine Dauerkarte für das Rennen um die Goldene Palme zu besitzen scheinen.

          Und siehe da, beide – oder besser: alle drei – erfüllten die Erwartungen, die mit der Einladung nach Cannes verbunden sind. In der ersten halben Stunde von Östlunds „Triangle of Sadness“ sieht man ein junges Paar (beide sind Models), das sich über Geld- und Genderfragen streitet. Dann checken die beiden auf einer Luxusyacht ein, die irgendwo im östlichen Mittelmeer herumkreuzt.

          Wie in einem Hotelfilm werden die übrigen Gäste vorgestellt: ein versoffener Kapitän (Woody Harrelson), ein russischer Oligarch, ein britisches Ehepaar, dessen Firma Landminen produziert, eine Frau im Rollstuhl (Iris Berben) und eine champagnersüchtige Blondine (Sunnyi Melles). Man sonnt, mästet und langweilt sich, dann zieht ein Sturm auf, und aus dem Lustkahn wird ein Narrenschiff.

          Lustkahn und Narrenschiff

          Alles kreischt und kotzt (nur der Kapitän und der Oligarch saufen weiter und reden dabei über Marx und Lenin), bis ein Piratenboot am Horizont auftaucht und die Yacht versenkt. Die Überlebenden retten sich auf eine Insel.

          Weitere Themen

          „Ich liebe Film und Fußball gleichermaßen“

          Hannes Þór Halldórsson : „Ich liebe Film und Fußball gleichermaßen“

          Nach dem Ende seiner Karriere als Torwart der isländischen Nationalmannschaft widmet sich Hannes Þór Halldórsson ganz dem Film. Im Interview spricht er über Homosexualität im Fußball, seinen neuen Lebensabschnitt und seine Art, Komödien zu machen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.