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„Cherry“ von den Russo-Brüdern : Vor diesem Film kann man nur warnen

Aus Liebeskummer in der Army und gleich nach Irak: Tom Holland als „Cherry“ – so heißen ahnungslose Frischlinge im Slang der Truppe. Bild: Apple+

Mit Kino-Kassenhits wie den „Avengers“ wurden die Russo-Brüder bekannt. In „Cherry“ wollen sie die autobiographische Geschichte eines amerikanischen Veteranen erzählen. Ergebnis: ein Desaster

          3 Min.

          Diesen Film anzuschauen war eine Qual. Und das liegt nicht etwa daran, dass er den bodenlosen Sturz eines traumatisierten amerikanischen Irak-Veteranen erst in die Drogensucht, dann in die bewaffnete Beschaffungskriminalität und schließlich in den Knast nachzeichnet, sondern dass der an einer wahren Geschichte orientierte Albtraum dermaßen katastrophal inszeniert ist, dass ich nicht weiß, wann ich zuletzt einen so miserablen Film gesehen habe. Zu allem Unglück sind für den cineastischer Totalschaden auch noch die Brüder Anthony und Joe Russo verantwortlich, die „Avengers“-Superhelden der Regie. Warum nur mussten sie sich und der Welt beweisen, dass sie unter keinen Umständen Figuren von normalmenschlichem Maß vor der Kamera ergründen sollten, es sei denn im Format einer Sitcom, wie vor ihrer Marvel-Phase?

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Cherry – Das Ende aller Unschuld, ist die Verfilmung des 2018 erschienenen autobiographischen Romans von Nico Walker und sollte wohl Apple TV+ bei seiner den Platzhirschen auf dem Streaming-Markt hinterhechelnden Aufholjagd Richtung Prestige und Oscars ganz nach vorne bringen. Die Voraussetzungen waren günstig: eine Story über das Elend der weißen Unterschicht, übler noch als die „Hillbilly Elegy“ von J. D. Vance, die, von Ron Howard durchwachsen verfilmt, erst in ausgewählten Kinos, dann bei Netflix lief; Tom Holland als Hauptdarsteller mit genügend Strahlkraft und Spider-Man-Kompetenz, um potentiell selbst eine unsympathische Hauptfigur anziehend zu machen; und schließlich eine paradigmatische Erzählung von epischem Ausmaß, die den namenlosen Helden gleich einem Anti-Forrest-Gump durch die Mühlen der Zeitgeschichte dreht. Was also ist schiefgelaufen? So ziemlich alles.

          Schreien, toben, weinen

          Gleichermaßen überladen wie langweilig ist „Cherry“; kitschig, aufdringlich und roh, einfallslos und larmoyant, vor allem aber ein über zweieinviertel Stunden – temporale Maßlosigkeit ist ein Fluch des Streaming-Zeitalters – sich dehnender, manierierter Film in Fragmenten ohne Ziel und Mitte, ohne Figuren von Format und Kontur oder auch nur einen einzigen Dialog, der eine Situation oder eine Handlung oder wenigstens eine Atmosphäre entwickelte. Für all das sollen stattdessen fancy Kameraeinstellungen, optische Gags, die unentwegt aus dem Off dahintröpfelnde Ich-Erzählung der Hauptfigur und – finaler Todesstoß – eine schmalzige Soße aus Opernarien über Zeitlupensequenzen sorgen. Sehr, sehr vielen Zeitlupensequenzen.

          Doch der Reihe nach. Alles beginnt, wenn der vorausgreifende Prolog mit Banküberfall überstanden ist, mit einem klassischen Boy-meets-Girl-Plot. Er sieht sie, die eine, einzige, und die Highschool-Welt drum herum wird unscharf gestellt: Emily (Ciara Bravo) ist die Regression dessen, was Jenny vor Jahrzehnten als große Liebe für Forrest war. Statt eigene Wege zu gehen, verharrt sie in Abhängigkeit, die Schau- und Projektionsfläche eines Helden und eines Kameramanns (Newton Thomas Sigel), die sich kaum sattsehen können an dem Kindchenschema-Gesicht der jungen Schauspielerin. Abgesehen von wenigen Momenten, in denen Ciara Bravo schreien, toben, weinen darf, ist Emily eine niedliche Staffage mit Schleifchen um den Hals.

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