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Charlotte Rampling : Ich wusste, dass es nicht nur Rosen regnen würde

  • -Aktualisiert am

Lässt sich zur Not per Handy Text soufflieren: Charlotte Rampling Bild: Pifflmedien

Angelina Maccarone porträtiert in ihrem neuen Film die Schauspiellegende Charlotte Rampling. Die Dokumentation „The Look“ zeigt die Frau hinter den Masken - als leicht verruchte Unschuld.

          3 Min.

          „Wenn ich mir was wünschen dürfte, käm’ ich in Verlegenheit/ denn wenn ich gar zu glücklich wär’, hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“ - es ist dieser Song, und die Szene, in der sie ihn singt, was Charlotte Rampling zuerst weltberühmt machte. Halbnackt, mit kurzgeschorenem Haar spielt sie da eine KZ-Insassin, die in einem NS-Nachtclub zum Vergnügen der Lagerbesatzung tanzt, und nicht nur das. Dirk Bogarde spielt jenen SS-Kommandeur, der ihr besonders zugetan ist. Als sie sich wiedertreffen, 13 Jahre später im Nachkriegs-Wien, flammt die alte, perverse Leidenschaft im Nu wieder auf. Liliana Cavanis „Nachtportier“ über eine Liebe zwischen Opfer und Täter war einer der Skandalfilme der Siebziger, weil er mit einem Tabu brach, und den Zusammenhang zwischen sadomasochistischer Sexualität und Nationalsozialismus offen aussprach. „Ich wusste, das es nicht nur Rosen regnen und nett zugehen würde“ resümiert Rampling im Rückblick fast 40 Jahre später die Folgen, aber sie lässt bei aller Zurückhaltung doch durchblicken, wie sehr sie einige der damaligen Attacken verletzt haben. Vor allem jene aus Amerika: „Pauline Kael, die berühmte New Yorker Kritikerin, beleidigte mich sehr persönlich, sie griff die Person an, nicht die Schauspielerin... Immerhin: Man lernt sehr schnell, sich zu verbarrikadieren.“

          Dies ist einer der wenigen Momente in diesem Film, in dem Rampling die Distanz, die sie sonst immer wahrt, aufzugeben scheint, in der die Maske ihrer öffentlichen Persona für Augenblicke verrutscht. Überhaupt ist der Abschnitt über „Nachtportier“ einer der interessantesten in diesem insgesamt sehr gelungenen Dokumentarfilm, auch weil Rampling erzählt, wie sie sich in die Hände ihres erfahrenen Kollegen Dirk Bogarde begeben hatte, seinem Urteil vertraute, und damit indirekt auch eine Beschreibung des Verhältnisses der beiden Filmcharaktere wagt:““Das Drehbuch war nicht sehr einfach, die Story war gefährlich, und alles hätte leicht schiefgehen können. Aber ich wusste: Mit Dirk würde ich immer eine Art Beschützer haben.“

          Im Rückblick ist „Nachtportier“ einer der besten und wichtigsten Filme von Charlotte Rampling. Danach drehte sie mit Größen wie Woody Allen, Sidney Lumet und vielen mehr, in den letzten Jahren ist Rampling vor allem im europäischen Kino zu sehen, in Filmen von Francois Ozon etwa, gerade erst in Lars von Triers „Melancholia“ als boshafte Mutter der frischverheirateten Hauptfigur. Auch da sieht man wieder diesen unverkennbaren Zug, der um ihren Mund spielt, der sich - je nach Perspektive - als „überlegen“ ebenso deuten lässt wie als „sarkastisch“. So oder so aber gehören Distanz und Reserviertheit, die abweisende Geste, in der natürlich immer auch eine Menge Selbstschutz liegt, zu ihrer Haltung. Man müsse einen Weg finden, nicht von den Kameralinsen aufgefressen zu werden, sagt sie sinngemäß an mehreren Stellen, man müsse sich so wohlfühlen, dass man die „perverse Situation“, vor Dutzenden von Menschen stundenlang zu posieren, womöglich nackt, einfach vergisst. „Es muss einfach passieren“ sagt sie, wahrscheinlich habe sie überhaupt ihr Leben auf diese Weise gelebt. Vielleicht ist es ja einfach die schiere Intelligenz dieser nonkonformistischen Darstellerin: kühl, verführerisch, geheimnisvoll. Die „Entertainment-Seite“ des Kinos habe sie noch nie interessiert.

          Extrem rein und unschuldig

          „The Look“, mit dem die Regisseurin Angelina Maccarone (bekannt durch Spielfilme wie „Fremde Haut“ und „Verfolgt“) sich erstmals aufs Terrain des Dokumentarfilms begibt, ist mindestens so sehr ein Film über Rampling, wie einer übers Schauspielerdasein an sich. „Exposure“ heißt das erste mehrerer Kapitel, die sich allesamt um das Ausgesetztsein eines Schauspielers oder Models vor der Kamera drehen. In nur lose verbundene Sequenzen trifft Rampling jeweils andere Personen, mit denen sie durch Arbeits oder Freundschaft verbunden ist: Ihren Sohn, den Darsteller Barnaby Southcombe, die Fotografen Peter Lindbergh und Jürgen Teller, den Autor Paul Auster - gegliedert ist das nach Themen wie „Resonanz“, „Tabu“, „Liebe“, und unterbrochen durch Film-Ausschnitte.

          Ein wohltuendes Schweben, eine vage Doppeldeutigkeit zeichnet den Film aus. Diese Vagheit mag auch Ramplings offenkundigem Kontrollbedürfnis geschuldet sein, das offenbar auf die Entstehung und Gestalt des Films beeinflusst hat. Bei aller Reserviertheit zeigt der Film aber auch die charmante und witzige Seite Ramplings. „Ich bin eine alte Frau“ beendet sie die Passage über „Nachtportier“, „und ich habe eine Menge Sachen gemacht, aber ich fühle mich im Inneren extrem rein und unschuldig.“

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