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Im Kino: „Charlatan" : Die Phantome des Heilers

Die Farbe des Urins verrät die Krankheit des Patienten: Jan Mikolášek (Ivan Trojan) und sein Assistent (Juraj Loj) in Agnieszka Hollands Film Bild: Cinemien

Agnieszkas Hollands Film „Charlatan“ erzählt die Lebensgeschichte eines Mannes, der die Mächtigen des zwanzigsten Jahrhunderts mit Kräutermixturen behandelte, bis er wegen Hexerei vor Gericht kam.

          3 Min.

          Die Tür zum Behandlungsraum des Heilers fliegt auf. Ein Mann drängt hindurch, schreiend und fuchtelnd, die herbeigestürzten Gehilfen können ihn nicht aufhalten. Herr Mikolášek müsse seine kranke Tochter behandeln, brüllt der Mann, worauf der Heiler entgegnet, er habe dem Herrn Kiesewetter doch bereits alles Nötige gesagt; seine Tochter sei nicht zu retten. Aber Kiesewetter lässt sich nicht abwimmeln, im­mer näher schiebt er sich, von den Gehilfen umringt, an den Schreibtisch des Heilers heran, bis diesem der Kragen platzt. Jetzt werde er deutsch mit ihm reden, sagt er zu Kiesewetter – der Dialog findet auf Tschechisch statt –, und dann gibt er seine Diagnose bekannt: „Sie stirbt!“

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenige Jahre später begegnen sich die beiden Männer wieder. Jan Mikolášek sitzt immer noch in seiner weiträumigen Villa in einem Vorort von Prag und empfängt Patienten, die von der Schulmedizin aufgegeben worden sind oder sich keine ärztliche Behandlung leisten können, aber Kiesewetter trägt jetzt eine Gestapouniform, die Wehrmacht hält Prag besetzt, und der Heiler ist dem deutschen Offizier ausgeliefert. Es ist eine der bitteren Pointen, die sich Agnieszka Hollands Film „Charlatan“ mit seinem Helden erlaubt – und nicht einmal die bitterste. Die hebt sich der Film für das Ende auf, als Mikolášek, vom kommunistischen Nachkriegsregime wegen Mordes und He­xe­rei angeklagt, die vom Staatsapparat konstruierte Schuld auf seinen As­sis­ten­ten abzuschieben versucht. Und dieser, der den Heiler mehr liebt als sein Le­ben, nickt und gibt alles zu.

          Er kurierte Nazis und Kommunisten

          Komik sei Tragödie plus Zeit, heißt es bei Woody Allen. Bei Agnieszka Holland entstehen die Pointen der Erzählung aus der Kombination von Zeit und Ge­schichte. Den Heiler Jan Mikolášek hat es wirklich gegeben, und er hat, wie der Prolog des Films andeutet, den zweiten kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei, Antonín Zápotocký, bis zu dessen Tod be­handelt. Davor aber ku­rier­te Mikolášek auch Martin Bormann, den Leiter von Hitlers Reichskanzlei, und vor diesem gehörte der erste tschechoslowakische Staatspräsident Masaryk zu seinen Klienten. In Mikolášeks Praxis, könnte man sagen, liefen die zeithistorischen Fäden Europas zusammen, aber das wäre stark übertrieben, denn der Heiler gelangte nicht einmal ins Hinterzimmer der Macht. Er versorgte nur ihre Gallensteine und Geschwüre.

          Es dauert eine Weile, bis man begreift, was in „Charlatan“ gespielt wird, denn der Film kommt so selbstverständlich daher, dass man kaum merkt, wie penibel er seine Hauptfigur und ihre Geschichte kon­struiert. In Rückblenden sieht man, wie der junge Mikolášek im Ersten Weltkrieg lernt, auch auf eigene Leute zu schießen, wenn ein Offizier es befiehlt, wie er zusammenbricht und wieder bei seinen Eltern unterschlüpft, wie eine heilkundige Alte auf ihn aufmerksam wird, nachdem er das Bein seiner Schwester durch eine Kräuterpaste vor der Amputation gerettet hat, und wie er von der Greisin die Kunst lernt, die Krankheiten der Menschen aus deren Urinproben herauszulesen. Schließlich lässt er sich als Heiler nieder, und als er einen Assistenten für seine Praxis sucht, meldet sich ein Mann namens Palko, der zwar über keinerlei medizinische Kenntnisse verfügt, aber un­bedingte Loyalität verspricht. Mi­ko­lá­šek stellt ihn ein, ohne dass man verstünde, warum. Erst als die Kamera an­fängt, Palkos Körper zu mustern, er­kennt man, dass der Heiler ihn begehrt.

          Ein faszinierend altmodischer Film

          Liebe und Tod, Liebe und Verrat, Liebe in Extremsituationen, das ist das Thema von Agnieszka Hollands Filmen seit „Bittere Ernte“ und „Hitlerjunge Salomon“. In der Geschichte Jan Mikolášeks kreuzt es sich mit einem zweiten Themenstrang, den Holland mit „In Darkness“ und „Red Se­crets“ weiterverfolgt hat: der Ka­ta­stro­phe Europas im zwanzigsten Jahrhundert. Sie spiegelt sich im Leben des Heilers wie ein Verkehrsunfall in einem Schaufenster. Als er in ein privates Glück zu entfliehen versucht, schlägt das Kollektivschicksal un­barm­herzig zu. Auch wegen Unzucht steht der Heiler am Ende vor Gericht. Der echte Mikolášek wurde 1959 wegen Steuerhinterziehung und Kollaboration angeklagt, aber das hat Holland nicht interessiert. Ihre Fiktion bringt zum Vorschein, was die Ge­schichte unter der Decke gehalten hat.

          „Charlatan“ ist ein altmodischer Film, in den gedämpften Farben, den zerknitterten Gesichtern, den Kleidern und Frisuren wie im bedächtigen Gang der Erzählung. Ebendas macht ihn faszinierend. Man blickt in ein Fotoalbum, das zu laufen beginnt. Vor fast fünfzig Jahren hat Agniesz­ka Holland als Assistentin bei Andrzej Wajda angefangen, für „Korczak“, „Ohne Betäubung“ und „Eine Liebe in Deutschland“ schrieb sie die Drehbücher. Nach Wajdas Tod ist sie die Alleinerbin des polnischen Kinorealismus. Um Produ­zentenwünsche und Publikumsstimmungen braucht sie sich längst nicht mehr zu kümmern. Das sieht man hier. Und es ist gut so.

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