https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/cedric-klapischs-ballettfilm-das-leben-ein-tanz-18311036.html

Film „Das Leben ein Tanz“ : Verletzungen und Verwicklungen

  • -Aktualisiert am

Élise (Marion Barbeau) trainiert hart – und davon hält sie auch ein Gipsbein nicht ab. Bild: Studiocanal

In Frankreich ist das Ballett über sich selbst offenbar aufgeklärter als hierzulande, zeigt der Film „Das Leben ein Tanz“ von Cédric Klapisch. Nur seine Hauptfigur hält er unter den Möglichkeiten ihrer Darstellerin.

          3 Min.

          Um es gleich zu sagen – in diesem Film werden zwar die Unterschiede diskutiert zwischen dem klassischen akademischen Tanz einerseits, insbesondere den be­rühmten Handlungsballetten des neunzehnten Jahrhunderts, und dem zeitgenössischen Tanz, hier verkörpert von dem britisch-israelischen Choreographen Hofesh Shechter und seinem Signatur-Stück „Political Mother“ von 2010, andererseits. Aber die Betisen, die manchmal hierzulande den Diskurs über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Tanzes bestimmen, kann man in Frankreich einfach nicht bringen.

          Die Tänzerinnen, die heute an der Pa­riser Oper arbeiten, und zu ihnen zählt die Hauptdarstellerin von „Das Leben ein Tanz“, Marion Barbeau, lieben vielleicht stilistisch das eine Stück des Repertoires mehr als das Ballett einer anderen Epoche, aber Lew Iwanow, Marius Petipa, Jules Perrot und Jean Coralli gegen Hofesh Shechter, Trisha Brown, William Forsythe oder Pina Bausch ästhetisch auszuspielen, käme ihnen nicht in den Sinn. Es ist durchaus das Thema des Films von Cédric Klapisch, zu zeigen, wie eine Première Danseuse, eine Erste Solistin der Pariser Oper – im Film heißt sie Elise – sich als Tempeltänzerin Nikija in der Schlussapotheose des Balletts „La Bayadère“ schwer den Knöchel verletzt und in der Rekonvaleszenzzeit im zeitgenössischen Tanz neu erfindet. Aber das ist auch in doppelter Hinsicht sehr realistisch.

          Im Frühjahr feierte das Ballett der Pa­riser Oper Premiere mit einem ganzen Abend mit Choreographien von Hofesh Shechter. Er und seine Generation, zu der etwa auch Sasha Waltz oder Crystal Pite zählen, sprechen für die Tänzer der Pariser Oper keineswegs in fremden Be­wegungssprachen. Zweitens sind die Be­lastungen, denen der weibliche Fuß im Spitzenschuh während einer Vorstellung von „La Bayadère“ oder „Schwanensee“ ausgesetzt ist, ungleich höher als in sechzig Minuten zeitgenössischer, auf Socken getanzter Choreographie – und also nach einer Verletzung leichter zu schaffen. Hofesh Shechter spielt sich selbst außerdem als einen sehr geduldigen, ruhigen, empathischen Direktor einer Tanzcompany. Auch der Umgang seiner Tänzer unter einander ist zugewandt und hilfs­bereit. Das ist natürlich eine der Genesung förderlichere Umgebung als das Ballett der Pariser Oper, wo hinter jeder verletzten Tänzerin drei andere stehen und innerlich jubeln, weil jetzt sie es sind, die eine Chance auf die Rolle erhalten.

          Sie kann es in Wirklichkeit

          „Das Leben ein Tanz“ erzählt die Ge­schichte von Elises Unfall zu Beginn. Dem schrecklichen Sturz gehen Szenen hinter der Bühne voran. Elise beobachtet, während sie sich auf ihren Auftritt vorbereitet, wie ihr Freund von einer anderen Ballerina hinter die Kulissen gezogen und geküsst wird. Das bringt sie so aus der Fassung, dass ihre Nervosität an dem umknickenden Fuß bei der Landung im letzten Sprung sicher nicht unschuldig ist. Diese Einleitung erzeugt durch die gut eingefangene Stimmung hinter und auf der Bühne solche Spannung, dass man sich an den Thriller „Black Swan“ erinnert fühlt. Das ist aber nicht die Richtung, die Klapisch dann einschlägt.

          Er sucht und trifft den typischen Ton französischer „C’est-l’amour, c’est-la-vie, c’est-comme-ca“-Filme, sodass man die ganze Zeit hin- und hergerissen ist zwischen Lächeln, weil der Film manchmal wirklich charmant ist und witzig und die Wahrheiten des Tanzes wunderschön in Bilder überträgt, und Genervtsein, weil es zu nett, zu erwartbar, zu klischeehaft, zu platt zugeht. Letzteres überwiegt.

          Marion Barbeau in der Hauptrolle hält ihr zauberhaftes ungeschminktes Gesicht eines französischen Mädchens in die Ka­mera und lächelt ernst und versonnen. Ihr bärenstarker und supersensibler Physiotherapeut verliebt sich selbstverständlich auch in sie. Aber dann wird es doch der Tänzer Mehdi, mit dem Elise bei Hofesh Shechter zusammen tanzt und am Meer sitzt und später Hand in Hand durch das nächtliche Paris läuft. Ihr Va­ter, seit dem lange zurückliegenden Tod der Mutter emotional verschlossen, küsst ihr die Stirn und weint im Publikum, als Elise mit der Shechter Company zum ersten Mal wieder auftritt.

          Auf der Webseite des Balletts der Pariser Oper findet sich ein Film, in dem sich Marion Barbeau über George Balan­chines „Concerto Barocco“ äußert, in dem sie seit 2020 auftritt. Sie braucht we­nige Minuten, um sehr kluge Beschreibungen davon zu geben, wie es sich an­fühlt, Balanchine zu tanzen, was sie da­ran besonders mag und auch für sehr zeitgemäß hält – etwa die Art und Weise, wie eine reine Frauengruppe miteinander tanzt. Sie kann es in Wirklichkeit, um­so unverständlicher, dass man ihre Filmfigur nicht diese tänzerische Klugheit ausstrahlen lässt.

          Weitere Themen

          Auf schiefer Ebene voller Vertrauen

          Tanztheater in Genf : Auf schiefer Ebene voller Vertrauen

          Neuanfang am Grand Théâtre de Genève: Der neue Ballettdirektor Sidi Larbi Cherkaoui setzt starke Akzente und zeigt zusammen mit Damien Jalet das Stück „Skid“ sowie die Uraufführung seiner eigenen Choreographie „Ukiyo-e“.

          Anthologie des Tanzes

          Jacopo Godani im Schauspiel : Anthologie des Tanzes

          Zum Ende seiner Tätigkeit in Frankfurt kann Jacopo Godani eine Art Werkschau in einem Abend zeigen: Am Schauspiel Frankfurt ist erstmals wieder Tanz zu sehen. Die Dresden Frankfurt Dance Company zeigt „Anthologie“.

          Topmeldungen

          Als Orte mutmaßlicher Fälle von Cancel Culture gelten oft amerikanische Universitäten. Hier zu sehen ist der Campus der Yale University.

          Cancel Culture : Das laute Schweigen

          Wovon die Rede ist und wovon nicht mehr: Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub analysiert den Cancel-Culture-Diskurs als Kampf um Aufmerksamkeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.