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Catherine Deneuve : Schönheit ist Arbeit

  • -Aktualisiert am

Catherine Deneuve im Januar 2003 Bild: AP

Wie kaum eine andere Schauspielerin ihrer Generation hat Catherine Deneuve die interessantesten Regisseure inspiriert und tut es noch heute. Jetzt erzählt sie in einem Buch vom Filmemachen, das ein einsames Geschäft sei.

          3 Min.

          Wer schon mal Schauspieler zu ihrer Arbeit befragt hat, weiß, daß kaum jemand weniger geeignet ist, Auskunft zu geben über die Hintergründe dessen, was uns an ihrem Spiel begeistert. Es ist selten erhellend, was sie zu sagen haben, und je besser sie sind, desto weniger haben sie zu sagen. Einer wie Robert De Niro etwa hat in seiner ganzen Karriere noch kein Interview gegeben, das auch nur das schwächste Licht ins Dunkel seiner Kunst geleuchtet hätte.

          Dabei ist es keineswegs so, daß es ihm an Intelligenz mangeln würde - sie manifestiert sich bei Schauspielern nur auf ganz andere Weise. Was es über ihr Spiel zu wissen gibt, geht in ihrer Rolle auf, und was es darüber hinaus zu sagen gäbe, liegt im Auge des Betrachters. Und wenn es stimmt, was Warhol gesagt hat, daß Schönheit eine Form von Intelligenz sei, dann trifft das auf niemanden mehr zu als auf Catherine Deneuve.

          Womöglich bezeichnet Photogenität ja den Umstand, daß man gewillt ist, einer Schauspielerin all jene tiefen und weniger tiefen Gedanken zugute zu halten, zu denen ihre Erscheinung Regisseure wie Zuschauer gleichermaßen herausfordert. Zumindest für die Deneuve scheint das zu gelten, die wie kaum eine andere Schauspielerin ihrer Generation die interessantesten Filmemacher inspiriert hat - Truffaut, Bunuel, Polanski, Demy, Varda, Melville - und es auch heute noch tut: Techine, von Trier, Carax, Corneau, Oliveira, Ruiz, Ozon.

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          Aufschrei der Enttäuschung

          Und weil man hinter ihrer anspruchsvollen Rollenwahl jene Intelligenz vermutet, die sich eigentlich auch anders artikulieren können müßte, wurde die Veröffentlichung ihrer Tagebücher "A l'ombre de moi-meme" in Frankreich von einem Aufschrei der Enttäuschung begleitet. Dies sei der erste Fauxpas einer fehlerlosen Karriere, ein Sprung in der perfekten Oberfläche ihrer Erscheinung - noch schlimmer: Verglichen mit ihr wirke Marilyn Monroe wie eine Intellektuelle.

          Das alles ist natürlich Unsinn und verdankt sich der reichlich naiven Erwartung, eine Schauspielerin wie sie müsse in ihren Tagebüchern fortschreiben, was in ihren Rollen angelegt ist. Tatsächlich kann man in ihrem Schreiben nachvollziehen, welch ermüdende, kräftezehrende Arbeit die Schauspielerei ist und welche Unsicherheit und welcher Zweifel jedes Mal damit einhergehen, ob daraus etwas entsteht, was die Mühen tatsächlich vergessen läßt. Die Schönheit, die uns später auf der Leinwand verzaubert, ist in jedem Fall hart erkämpft.

          Kein Bedauern

          Man solle nicht zu viel erwarten, schreibt sie vorweg, dies seien nur Drehtagebücher, Wegbegleiter ihrer Zweifel, fast immer in der Fremde verfaßt: "Ein paar Gewissensbisse, aber kein Bedauern." Durch sechs Filme hindurch kann man sie nun begleiten, beginnend mit "Dancer in the Dark", dann durch die Neunziger mit "Est-Ouest", "Le vent de la nuit" und "Indochine" und schließlich ein großer Sprung zurück in die Vergangenheit der späten Sechziger, zu "Tristana" und "The April Fools". Andere Erfahrungen mit Truffaut, Polanski oder bei "Belle de jour" werden nur als Erinnerungen kurz gestreift.

          Natürlich hätte man gerade darüber gerne mehr gelesen, aber ihre Auskünfte über die anderen Filme beschränken sich auf ein angehängtes Interview mit dem Regisseur, Drehbuchautor und Ex-Kritiker Pascal Bonitzer, dem sie auch erklärt, daß sie nur dann Tagebuch geschrieben habe, wenn sie nicht zu gefangen oder beansprucht von ihrer Umgebung war, also überwiegend in jenen langen Nächten in einsamen Hotels in der Fremde.

          Ein einsames Geschäft

          Überhaupt ist die Schauspielerei, wie sie sich hier darstellt, ein einsames Geschäft; zur Begrüßung gibt es stets einen Strauß Blumen, einen Willkommensgruß, der von ihr wohl nur deshalb so gewissenhaft verzeichnet wird, weil es die einzig verläßliche freundliche Geste in diesem Geschäft ist. Die Regisseure sind in der Regel sehr mit sich selbst und dem Chaos um sie herum beschäftigt, die Co-Stars in der Regel sowieso, so daß vor allem Garderobiere, Friseuse oder Agentin den Kontakt zur Außenwelt darstellen.

          Man ißt, man spricht, man geht in die Stadt, man sieht einen Film - die Banalitäten des Alltags bleiben, was sie sind: banal. Und Catherine Deneuve ist schließlich keine Schriftstellerin, deren Blick gerade darin Stoff fände, sich zu artikulieren. So treibt sie wie auch häufig in ihren Rollen durch eine Welt, die ihr keinen Halt bietet, immer auf der Suche nach Anhaltspunkten, wie ihre Arbeit zu begreifen wäre, voller Sehnsucht nach jener Schwerkraft, die sie im Leben wie in ihrer Arbeit verankern könnte. Und am ergreifendsten ist sie, wenn sie schildert, wie bei "Dancer in the Dark" alles sich um die kapriziöse Björk dreht, während sie zurückstecken muß: "Immer die kleine Soldatin, auf die man zählen kann, die sich für alles verantwortlich fühlt und hofft, daß sich alles irgendwie richten wird." Womöglich steckt die ganze Größe der Schauspielerin Catherine Deneuve in diesem Bild von der kleinen Soldatin.

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