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Catherine Deneuve im Gespräch : Siebzig? Das neue Fünfzig!

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Catherine Deneuve in dem Film „La Vérité – Leben und lügen lassen“ Bild: Prokino Filmverleih GmbH / Laurent Champoussin

Sie ist der größte Star des europäischen Kinos. Jetzt spielt sie in „La Vérité – Leben und lügen lassen“ eine Art Über-Diva. Catherine Deneuve im Gespräch über Starrollen und Rauchen im Alter, Metoo und Brigitte Bardot.

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          Sie ist schön wie der Tod, verführerisch wie die Sünde und kalt wie die Tugend“ hat Luis Buñuel vor langer Zeit über sie gesagt. Noch immer, mit 76 Jahren, ist Catherine Deneuve der größte Star des europäischen Kinos. In „La Vérité – Leben und lügen lassen“, dem ersten Film, den Hirokazu Kore-eda außerhalb Japans gedreht hat, spielt sie eine Art Über-Diva. Zum Entsetzen ihrer Tochter (Juliette Binoche) hat sie ihre Memoiren veröffentlicht, die primär aus Tatsachenverdrehungen und Phantasiegeschichten bestehen. Das Erste, was man beim Interview von Catherine Deneuve hört, als man das Zimmer im Hotel Excelsior auf dem Lido von Venedig betritt, ist unmissverständlich: „Und bringen Sie mir vor allem einen Aschenbecher, bitte!“

          Madame, wie sehr sind Sie selbst eine Diva?

          Ich nehme mir nur heraus, an jedem Filmset zu rauchen! Zigaretten machen mich so friedlich und entspannt. Nach dem ersten Kaffee des Tages zu rauchen: Was für ein Moment des Glücks! Es ist fürchterlich, wenn man das Rauchen so genießt. Darüber hinaus brauche ich eigentlich nur meinen geliebten Grünen Tee mit Ingwer.

          Haben Sie einen Personal Assistent, den Sie herumscheuchen?

          Die Dame, die für meine Kostüme zuständig ist, übernimmt kleinere Aufgaben. Zu Hause habe ich natürlich eine Sekretärin, die sich um geschäftliche Belange kümmert, und eine Hilfe für den Haushalt. Aber am Set fände ich es furchtbar, wenn man mir ständig hinterherliefe. Bloß nicht!

          In Frankreich gelten Sie als Nationalheiligtum. Ist der Status manchmal auch eine Bürde?

          Es war nicht immer einfach, diesem Bild von mir gerecht zu werden. Selbst wenn ich meinem Image gar nicht entsprechen wollte, fühlte ich den Druck der Erwartungen auf mir lasten. Dass ich ein Star bin, war für mich nie relevant. Das hatte nie etwas mit meinem Leben zu tun. Heute ist jemand ja schon eine Berühmtheit, wenn er auf Facebook oder Youtube Millionen Follower hat. Das beeindruckt mich nicht. Ich lebe lieber ein normales Leben. In Paris ist das einfach. Jeder weiß, wo ich wohne, trotzdem kann ich unbehelligt auf die Straße gehen, am Kiosk die Zeitung kaufen oder mich ins Café setzen. Das wäre in Los Angeles unmöglich!

          Wie sehr lassen Sie sich von Ihrer Arbeit einnehmen?

          Wenn ich mich ihr zehn oder zwölf Stunden am Tag widme, ist das mir genug! (lacht)

          Blenden Sie während der Dreharbeiten die restliche Welt aus?

          Es ist tatsächlich so, dass ich komplett in meiner Figur und auch der Welt meiner Figur stecke, sobald die Kamera läuft. Zwischen den Aufnahmen ist das aber nicht so! Das liegt auch daran, dass ich mich zwar intensiv konzentrieren kann, aber nicht über einen längeren Zeitraum.

          Provozieren Sie gerne?

          Ich suche nicht bewusst nach Provokativem! Ich mache nur schon so lange Filme, dass ich Rollen suchen muss, die auch neu für mich sind, um mich nicht zu langweilen. Das führt manchmal zu Entscheidungen, die von außen betrachtet ungewöhnlich sind. Aber nicht für mich.

          In „La Vérité“ hört man von Ihnen den Satz: „Siebzig ist das neue Fünfzig.“ Könnte diese Behauptung von Ihnen selbst stammen?

          Ja, und es stimmt auch! Die Siebzigjährigen von heute kann man nicht mit den Siebzigjährigen von früher vergleichen. Wenn man Fotos aus den Sechzigern ansieht, dann sehen die Leute viel älter aus. Wir altern nun mit etwas mehr Würde.

          Wie fühlen sich Ihre mehr als siebzig Lebensjahre an?

          Anders, als ich es erwartet hätte. Man muss seinen Weg selbst finden und kann sich nicht mit anderen vergleichen. Außerdem ist es ja auch nicht ganz so überraschend, dass man langsam älter wird. Man rechnet irgendwie damit. (lacht) Es ist nicht immer leicht, so alt zu sein. Aber ich mache mich deswegen auch nicht verrückt.

          Was faszinierte Sie an dieser charmant-infamen Grande Dame im Film, die die Wahrheit so unverschämt verdreht?

          Diese Fabienne denkt und redet zugleich, was oft zu Problemen führt. Sie hat einfach keinen Filter, keine Instanz, die sie vor sich selbst schützen kann. Sie geht aber auch gerne zu weit, weil sie weiß, dass niemand es wagt, ihr zu widersprechen oder sie zur Rechenschaft zu ziehen. Das kennt sie ja gar nicht, daher nimmt sie sich so viel heraus.

          Sie doziert auch darüber, dass Schauspieler so gerne in die Politik gehen und die Welt verbessern wollen.

          Oh ja! Als ich diesen Satz gelesen habe, habe ich mir gleich gedacht: „Mein Gott, das werden ein paar Kollegen hören und sich sofort angesprochen fühlen!“ Ich fand das herrlich komisch! Es gibt auch Kollegen, die viel Gutes leisten, aber trotzdem hat mich diese Spitze amüsiert.

          Wie haben Sie die Sprachbarriere mit dem japanischen Regisseur Hirokazu Kore-eda überwunden?

          Sein Übersetzer war sehr präzise, was die Anweisungen betraf. Aber natürlich baut man zu einem Regisseur eine schwächere Verbindung auf, wenn man immer durch einen Übersetzer getrennt ist. Man kann sich nicht so ungezwungen austauschen, sondern sucht sich sehr bewusst aus, was man ihm sagen möchte.

          Wie haben Sie sich mit Ihrer Film-Tochter Juliette Binoche über die Figuren ausgetauscht?

          Ach, das war keine so große Sache. Natürlich haben wir bei den Proben darüber gesprochen, aber wir hatten keine endlosen privaten Diskussionen darüber.

          Ihrer eigenen Tochter stehen Sie ja nahe.

          Ja, sehr nahe sogar. Insofern konnte ich mich persönlich gar nicht mit meiner Rolle identifizieren. Umso lustiger war es, sie zu spielen! Chiara und ich sprechen ganz offen miteinander, über alles. Wir können sehr ehrlich zueinander sein, weil wir uns so nahe sind. Im Guten wie im Schlechten, sagt man das nicht so? Das genieße ich auch sehr.

          Sie gehören zur letzten Generation der großen Stars. Empfinden Sie es auch so, dass dieser Typus heute gar nicht mehr in dieser Form existiert?

          Ja, vieles hat sich in den letzten zwanzig Jahren verändert. Ich habe immer darauf geachtet, mit Anfängern zu arbeiten, mit jungen Wilden, mit Erstlingsregisseuren. Mein Schwerpunkt lag nie darauf, große, kommerziell erfolgreiche Filme zu drehen. Dazu bin ich zu neugierig.

          Warum haben wir keine ikonischen Stars mehr?

          Wie soll man in Zeiten von Social Media noch unerreichbare Filmikonen haben? Dafür ist man doch viel zu nah an den Leuten dran! Heute wird alles sofort veröffentlicht, unabhängig von den Konsequenzen. Allerdings glaube ich auch, dass die Stars von heute fälschlicherweise meinen, sie hätten mehr Kontrolle über ihr Image, wenn sie sich in den Sozialen Medien präsentieren. Sie zeigen sich in ihren Küchen und mit ihren Kindern, in der Hoffnung, dadurch ihr Leben zu kontrollieren. Aber in Wirklichkeit lassen sie Dinge aus ihrem Leben nach außen dringen, die dort nichts verloren haben. Man hat keine Macht über die Meinung der Menschen. Was in deren Köpfen passiert, ist außerhalb jeder Reichweite.

          Waren Sie je neidisch auf andere Kolleginnen oder Konkurrentinnen?

          Klar, es gab schon einige Rollen, die ich liebend gerne gespielt hätte! Ich habe am Set von „La Vérité“ auch einen kleinen Witz mit Brigitte Bardot improvisiert. Der ist sogar im Film gelandet.

          Kennen Sie die Bardot persönlich?

          Ja, natürlich, nach all diesen Jahren! Ich würde sogar sagen, dass wir leidenschaftliche Feinde sind, denn sie greift mich immer wieder heftigst dafür an, dass ich Pelze trage. Ich könnte genau so schlecht über ihre politischen Ansichten reden.

          Kennen Sie das von sich, dass Ihre Offenheit Sie in Probleme stürzt?

          Nein. Ich habe meist recht gute Filter, würde ich sagen! (lacht)

          Nun, einige Ihrer Kommentare zu der #Metoo-Bewegung wurden kontrovers aufgenommen: Dass hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten kein Delikt sei und eine Galanterie keine chauvinistische Aggression. Haben Sie Ihre Unterschrift unter den offenen Brief bereut?

          Ach Gott, diese #Metoo-Geschichte! Dazu will ich mich gar nicht mehr äußern. Ich habe damals nur eine Petition mit unterschrieben, ich war nicht mal mit allem, was drin stand, einverstanden, aber ich unterschrieb – ich konnte nicht ahnen, dass es so viel Lärm machen würde! Da wurden einige Zitate von mir völlig aus dem Kontext gerissen. Daraufhin wurde ich dafür so angegriffen, dass ich einen offenen Brief in der Zeitung plaziert habe, um meine Position ausführlich darzulegen. Seitdem ist dieses Thema für mich tabu.

          Hat es Sie verletzt, dass Sie so missverstanden wurden?

          Am Anfang schon. Die Sache wurde ja so groß für die Titelseiten aufgeblasen. Ich habe mich dann mit der Situation abgefunden. Was geschrieben war, war geschrieben, ich konnte nichts mehr daran ändern. Ich hätte nichts sagen können, was die Lage entschärft hätte, niemand interessiert sich für Deeskalation!

          Können Sie sich vorstellen, Ihre Memoiren zu veröffentlichen?

          Nein! Ich habe keine Lust darauf, meine Erinnerungen publik zu machen. Vielleicht ändert sich das eines Tages. Das Einzige, was ich je veröffentlicht habe, sind Tagebücher zu Dreharbeiten. Früher machte ich mir oft Notizen, wenn ich am Set Pausen hatte, oder schrieb abends vor dem Einschlafen noch ein paar Zeilen. Das mache ich nicht mehr.

          Hat das auch mit schmerzhaften Verlusten zu tun, wie dem Ihrer Schwester Françoise Dorléac, die 1967, im Alter von nur 25 Jahren, tödlich verunglückte?

          Natürlich ist mir bewusst, dass ich in meinen Memoiren auch den Tod meiner Schwester erwähnen müsste. Niemand interessiert sich für Autobiographien, in denen man nur über Dreharbeiten redet. Aber momentan möchte ich diese sehr privaten Themen auch privat belassen.

          „La Vérité“ enthält aber ein Element über den Verlust einer Schwester. Hat der Regisseur Sie dafür um Erlaubnis gefragt?

          Nein, hat er nicht. Ich hätte jederzeit mein Veto einlegen können, aber ich habe das Drehbuch gelesen und dafür zugesagt. Es war in Ordnung für mich.

          Man hat das eigene Image nie unter Kontrolle, sagten Sie. Welches Fehlurteil hat Sie mal richtig geschmerzt?

          (Überlegt lange) Dass Menschen, die mich nicht kennen, mich für kalt halten. Ich glaube nicht, dass das zutrifft. Aber ich kann nichts dagegen tun. Es mag stimmen, dass ich mit Fremden nicht gleich warm werde. Ich duze sie nicht sofort, tätschele ihnen nicht die Schulter und begrüße sie auch nicht mit Küsschen. Das trägt wohl dazu bei, dass man mich für so furchtbar kühl hält.

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