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Casting-Protokoll : Klar darf Cruise Graf Stauffenberg spielen - aber kann er es auch?

Ob Tom Cruise in der Lage ist, in einer Hollywood-Produktion den Grafen Stauffenberg zu spielen, kann keine Gretchenfrage und kein Gesinnungstest klären. Wohl aber ein Blick in seine bisherigen Filme. Peter Körte hat ihn riskiert.

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          Es wird sich wohl auf der ganzen Welt kein Casting-Agent finden, der den ältesten Sohn des Grafen Stauffenberg zufriedenstellen könnte, weil der a priori weiß, dass „grauenvoller Kitsch“ herauskommt, wenn Hollywood einen Betriebsausflug in die deutsche Geschichte plant. Aber zum Glück werden Entscheidungen über Filmprojekte von Leuten gefällt, die etwas davon verstehen, und nicht von Angehörigen und Sektenbeauftragten. Und es gibt auch noch Weltstars, die eine Rolle unbedingt spielen wollen, Produzenten, die das für eine sinnvolle Wahl halten, und Regisseure, die wissen, wie man aus dieser Konstellation einen Film macht. Und ganz nebenbei: Deutsche Fördereinrichtungen halten das offenbar auch für sinnvoll, sonst würde es wohl kaum 4,8 Millionen Euro aus dem Deutschen Filmförderfonds (DFFF) für den Stauffenberg-Film „Valkyrie“ geben. Und weil es zum Beruf des Schauspielers gehört, nicht bloß sich selbst zu spielen, kann auch ein Wiedertäufer einen Atheisten spielen, ein Mann des 21. Jahrhunderts einen antiken Feldherrn oder eben ein amerikanisches Sektenmitglied einen deutschen Offizier.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Deshalb kann man sich auch ganz unbefangen ansehen, was Tom Cruise im Kino gemacht hat, bevor er im Fernsehen über Sofas hüpfte und sich vor den Paparazzi dieser Welt nach Kräften als Vollidiot präsentierte, dem das Studio Paramount den Laufpass gab - nur damit andere Geldgeber ihm ermöglichten, mit seiner langjährigen Geschäftspartnerin Paula Wagner das Studio United Artists aufzukaufen, weil Tom Cruise nun mal seit fast zwei Jahrzehnten ein Erfolgsgarant an der Kinokasse ist.

          An der Front

          Es ist ja auch nicht so, dass er nicht wüsste, wie es beim Militär zugeht. Seinen Durchbruch hat Cruise eben nicht als junger Mann mit Strahlelächeln geschafft, der Cocktails mixen kann und Rennwagen fahren, sondern als Soldat. In „Top Gun“, 21 Jahre ist das auch schon her, war er ein Kampfflieger, ein Elitesoldat, der selbst in den Szenen, die jenseits von Cockpit, Hangar und Kaserne spielen, in seiner ganzen Körpersprache militärisch wirkt, durchtrainiert und bei aller Risikolust, die ihm den Spitznamen „Maverick“ einträgt, ein Patriot, der am Ende aus einer persönlichen Krise als besserer, ernsthafterer Soldat hervorgeht, als Held, wie ihn nur das amerikanische Kino inszenieren kann.

          Dass ein Patriot auch an seinem eigenen Land verzweifeln kann, führte Cruise drei Jahre später in „Geboren am 4. Juli“ vor. Sein Ron Kovic geht den Weg eines idealistischen All American Guy, der sich als 19-Jähriger ohne Zögern freiwillig für den Einsatz in Vietnam meldet, der im „friendly fire“ einen Kameraden tötet und als Mann ohne Beine heimkehrt - ein Veteran, ein Kriegsversehrter, der darunter leidet, dass er keinen Sex mehr haben kann und dass sein Land ihn vergessen hat; der tobt und zürnt und am Ende als stolzer Amerikaner öffentlich gegen den Vietnamkrieg eintritt. Keine Frage, dass Cruise in dieser Rolle bisweilen chargiert und mehr Register zieht als nötig, dass der Regisseur Oliver Stone ihn großzügig gewähren lässt - doch es gibt wohl nur wenige Schauspieler, die der Versuchung, welche in dieser Rolle des gepeinigten Veteranen im Rollstuhl liegt, widerstanden hätten.

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