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„Captain America“ : Früher war alles viel flächiger

Willig und fähig, die Rolle zu gestalten: Chris Evans ist „Captain America” Bild: Marvel

Amerika, so sehen deine Helden aus: In Joe Johnstons Comicfilm besiegt „Captain America“ das 3-D-Reich. In der Titelrolle wird Chris Evans vom Nobody zum Hyperpfadfinder aufgepumpt.

          3 Min.

          In Wirklichkeit war der Zweite Weltkrieg viel hässlicher. Wie abscheulich er gewesen ist, weiß dieser Comicfilm kaum, in dem es vielmehr darauf ankommt, dass Lichtblitze Personen spalten, schnittige Flugzeuge in Eiswüsten krachen und ein intimes Gespräch zwischen Heldin und Held in den kokelnden Ruinen einer verwüsteten Stadt genau die eine stehengebliebene Cafénische findet, in der die Herzen einander im denkbar stimmungsvollsten Ambiente leise anzwitschern können (nur ein Feuerwerk am See fehlt). Seht nur, der Mann in Rot, Weiß und Blau schlägt Zähne aus und zerteilt mit seinem wuchtigen Motorrad die Nebel zwischen hohen Bäumen. Verbrechen der Wehrmacht? Wechselfälle der Westfront? Banalität des Bösen?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Einen halbwegs realistischen Begriff von derlei vermittelt nicht einmal der Starfaschist des Films, Hugo „Red Skull“ Weaving, der mit der Schießbudenexpressivität eines rechtsradikalen Parteichefs einen tomatenfarbenen Nazi ohne Nase verkörpert, welcher unübersichtliche Heerscharen schwarzlackierter, flammenwerferbewehrter Crash-Test-Dummies befehligt, mit deren Hilfe er die Welt unterwerfen beziehungsweise zerstören will. Es ist ihm sichtlich beides recht, das heißt: egal, Hauptsache, er darf töten, brüllen und beim Posieren fürs Ölporträt im Horrorlabor Platten mit Opern von Richard Wagner hören. Von wegen unrealistisch: Bei Licht besehen, ist das vielleicht doch gar keine so unebene Psychoskizze der abgründigen Idiotenbande, die zwölf Jahre lang Deutschland regiert, Millionen Menschen umgebracht und fast die Zivilisation zerstört hat.

          Misantropisches Understatement

          Erfreulich ist viel an „Captain America“, der neuesten Lieferung aus der beschleunigt auf die für nächstes Jahr geplante All-Star-Party „The Avengers“ zurasenden Serie von Marvel-Comics-Superhelden-Kinoexzessen der letzten Jahre: allem voran die überraschend zurückhaltende, szenenweise geradezu introvertierte und eben deshalb sehr einnehmende Art, in der Chris Evans den schmächtigen Steve Rogers aus Brooklyn spielt, der Tyrannen nicht mag und mittels Muskelaufbau-Serum und Lebenskraftstrahlen vom Nobody zum Hyperpfadfinder aufgepumpt wird.

          Szene aus „Captain America”

          Erfreulich ist aber auch das misanthropische Understatement des Schleifers Tommy Lee Jones (als ihn ein Kriegsgefangener misstrauisch fragt, was denn in dem Steak sei, das man ihm serviert, mault Jones mit ausdruckslosem Gesicht: „Kuh“). Oder die zwischen pragmatischer Abgeklärtheit und romantischer Hingabe elastisch changierende Interpretation, mit der Haley Atwell die Soldatin Peggy Carter lebendig macht. Manchmal muss man eben auf Männer schießen, damit sie einen ernst nehmen.

          Verzettelte Mikrorückblenden

          Und schließlich (in Grenzen) ist auch die Detailbesessenheit erfreulich, mit der aus den Minen der Popkulturnostalgie das Erz funkelnder Referenzenfülle gefördert wird. Die Comichefte, die in den Frühvierzigern des Films von amerikanischen Kindern auf den Straßen der Heimatfront gelesen werden, hat man ebenso sorgfältig recherchiert wie die Designattribute der Wunderwaffen des Schurken. Der Rest wurde gewürzt mit Gastauftritten von Figuren aus fiktiven Comicwelten (sogar der Schnauzbart Dum Dum Dugan und die anderen Howlin’ Commandos des Sgt. Fury ballern mit) wie der tatsächlichen Comicindustrie. Marvel-Vater Stan Lee darf diesmal sogar einen Satz sagen: „Ich dachte, er ist größer“, und der Abspann bedankt sich nicht nur bei den Figurenschöpfern Joe Simon und Jack Kirby, sondern auch beim raffiniertesten Autor von Captain-America-Geschichten der letzten Dekade, dem großen Ed Brubaker.

          Schwächen hat der Film freilich auch. Anstatt die Lektionen in Rhythmus und Erzähleffizienz zu lernen, die in den Heftchen zu finden wären, aus denen man Stoff, Kostüme und Gewaltchoreographie entlehnt hat, verlässt Regie und Skript mehrfach der Mut, wo es gegolten hätte, dem Helden zu vertrauen. Anstatt auf dessen Fährte zu bleiben, wird eine mühsame, von verzettelten Mikrorückblenden entstellte Werdegangstory seines Gegenspielers in den Handlungsbogen geschnippelt, weil irgendein Drehbuchleitfaden behauptet, derlei schaffe mehr Tiefe.

          Keine Quellenschändung

          In Wahrheit weiß die Flächigkeit der Comics Dinge über Tempo und Ökonomie, die das Actionkino zunehmend verlernt. Der Grund dafür ist, dass es die Definitionsmacht über den zeitgemäßen Spektakeltakt fürs Auge an Computerspiele abgeben musste. Mit den bewusstlosen Gimmick-Orgien der jüngsten 3-D-Hausse erinnert Hollywood nur immer schmerzlicher daran, dass die taktile Macht jener Spiele vom Kino nicht gebrochen, nur unterlaufen werden könnte. Daran gemessen, war es wohl weise Selbstbescheidung des ansonsten unauffällig kompetenten Regisseur Joe Johnston, die eigentlichen Kriegstaten des Captains in einer Art Teaser-Szenenballung fast nebenbei zu erledigen. Keine der Quellen, aus denen Johnston sich bedient hat, wird von ihm geschändet. Aber das Verhältnis seines Films zur naiven Majestät der Vorlagen erinnert mitunter an das zwischen der Filmmusik von Alan Silvestri und den paar Sekunden Wagner, die eingespielt werden.

          Fragt sich also, was passiert, wenn eine von diesem lebhaften Reißer längst nicht erschöpfte Figur wie der Captain und ein Schauspieler, der so willens und fähig ist, sie zu gestalten, wie dieser Chris Evans, einem listigen Menschen in die Hände fallen wie Joss Whedon, auf dessen „Avengers“ ein paar viel zu schnell vorbeifetzende Sekunden nach dem „Captain America“-Abspann vorausweisen. Der Dritte Weltkrieg, darf man hoffen, wird im Comicfilm noch viel schöner als der Zweite – wir sprechen uns nächstes Jahr.

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