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Zum Abschluss des Festivals in Cannes : Kalter Regen, süßes Leben

Beim Klabautermann, was für ein Film: Robert Redford in „All is Lost“ von J.C. Chandor Bild: Festival

Die bedrohte Existenz schafft oft die beste Kunst: Zum Ende eines beeindruckenden Filmfestivals wird in Cannes über die Palmen spekuliert.

          Die Feste mit herrlichem Ausblick sind wild, getanzt wird wie auf dem Vulkan, getrunken reichlich, die Gäste sind nicht mehr blutjung, alle machen sich wichtig, und einige reden, als ginge es ihnen um die Rettung der Welt. Dabei geht es immer nur um Egos. Geld. Ruhm. Asiatische Touristen fotografieren. Ein Beobachter streicht durch diese Welt und spürt Ekel und Überdruss, obwohl er mittendrin ist, anerkannt, einer, dessen Gesellschaft jeder sucht.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist nicht Cannes. Das ist „La grande bellezza“ von Paolo Sorrentino. Der Titel könnte auch über dem Festival stehen - aber der Film spielt in Rom. Und Sorrentino macht etwas Schamloses: Er dreht mit den Mitteln von heute einfach noch mal Fellinis „Roma“, gibt großzügige Portionen von „La dolce vita“ dazu, legt einen heftig pulsierenden Soundtrack drüber und zeigt uns die Schönheiten der verkommenen Ewigen Stadt. Wie einst Marcello Mastroianni ist auch Sorrentinos Held ein träger Journalist, der nicht schreibt, wie er vielleicht könnte (Toni Servillo), und weil er älter ist als sein Vorbild, hat seine Abgeklärtheit eine etwas andere Tönung. Vielleicht muss jede Generation die alten Meisterwerke für sich noch einmal entdecken, und sei es über Imitate wie dieses. Anders ist nicht zu erklären, warum „La grande bellezza“ als einer der Palmen-Anwärter gehandelt wird.

          Was er alles tut

          Es gab nicht viele Enttäuschungen wie diese und nur zwei Totalausfälle im Wettbewerb. Und drumherum einen Film nach dem anderen, der auch im Wettbewerb gut hätte mithalten können. Zum Beispiel „All Is Lost“ von J.C. Chandor. Er gehörte zu den Filmen, vor denen einem etwas bange sein musste. Die Besetzungsliste umfasst einen einzigen Darsteller (Robert Redford in phantastischer Form), die Schauplätze sind ein Boot im Indischen Ozean, das langsam untergeht, und eine Rettungsinsel, die am Ende im Meer verbrennt. Hatte nicht einst Tom Hanks (in „Cast Away“) einen Film allein bestritten und angefangen, mit einem Volleyball zu sprechen? Und kürzlich erst hat doch Ang Lee einen Schiffbruch bombastisch oscarreif inszeniert. So was noch mal jetzt in Cannes?

          Keineswegs. Wir hören nur am Anfang für ein paar Sätze den unvergleichlichen Bariton Redfords, der versichert, er habe nicht leicht aufgegeben, er habe alles zu seiner Rettung versucht. Danach hören wir nur noch das Meer und die Stürme und das Klappern und Quietschen des auseinanderfallenden Boots, erst gegen Schluss vermengt mit Musik. Was wir sehen, ist dieses „alles“, das der namenlose Mann aufbringt, um heil aus dem Schlamassel rauszukommen - ein Leck flicken, Wasser abpumpen, Lebensmittel retten, Kondenswasser herstellen, den abgebrochenen Mast lösen, Karten lesen lernen, den Survival-Kit bis zum Grund ausschöpfen.

          Was euer Lebensstil anrichtet

          Manchmal taucht Redford wie ein altes Reptil aus dem Wasser auf, das im Schiffsrumpf steht. Das ist der Film. Ein Überlebenskampf in einem Rhythmus, der uns mitreißt wie die aufgebrachte See das kleine Boot. Einer der Höhepunkte des Festivals, außer Konkurrenz gezeigt. Und Redford, dem Rummel nichts bedeutet, strahlte dann doch sehr, als er auf dem Weg zur Premiere mit dem Festivalpräsidenten Gilles Jacob oben am Ende der Treppe mit dem roten Teppich stand und gefeiert wurde. Zwei alte Männer mit der Aura von Widerständigkeit und Persistenz. Man kann das Ganze natürlich auch als Metapher verstehen - was bleibt, wenn alle Dinge versinken, die selbstverständlich zu unserem Leben gehören? Die umgekehrte Frage - was wird aus uns, die wir immer mehr zum Leben brauchen? - war zentral für viele Filme in diesem Jahr.

          Böse Filme über die Zerstörungskraft des Geldes, davon gab es viele, aus China, aus Japan, aus Holland, es war gerade so, als schrien die Filme den aufgedonnerten Premierengästen zu: Vielleicht ist es eure Sache, was aus euch geworden ist, aber schaut her, was euer Geld, euer Lebensstil anrichtet bei denen, denen ihr ihn vorführt! Da ist ein junger Mann auf der Festlandseite der Grenze zwischen Hongkong und Shenzhen, der versucht, für die Geburt des zweiten Kinds seiner Frau in Hongkong ein Krankenhausbett zu bekommen und dafür die Originalteile des Mercedes, den er als Chauffeur einer Hongkong-Lady fährt, gegen Imitate verschachert („Bends“ von Flora Lau).

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