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Woody Allen in Cannes : Meistermatch mit modernem Mörder

Bild: dpa

Woody Allen lässt wieder philosophische Verbrechen begehen: Die Cannes-Premiere von „Irrational Man“ zeigt ihn in selten gewordener Hochform.

          Hat seine Frau ihn für seinen besten Freund verlassen? War er wirklich in Bangladesch? Seine Mutter hat sich doch umgebracht, als er zwölf war, oder nicht? Kam ein Freund im Irak ums Leben oder in Afghanistan, weil er auf eine Mine trat, eine Bombe ihn tötete, oder wurde er doch geköpft? Jedenfalls ist Abe Lucas, die Hauptfigur in Woody Allens „Irrational Man“, ein Mann mit Lebenserfahrung. Abgebrüht. Suchterprobt. Depressiv. Ihm eilt ein Ruf voraus. Das macht ihn für Frauen, die sich langweilen oder noch sehr jung sind, interessant. Aber er interessiert sich nicht wirklich. Das ist das Problem. Kann dieser originelle, wenn auch gepeinigte Denker mit den Kategorien einer schlichten Mittelklassemoral beurteilt werden?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Natürlich gilt die Sache mit dem Ruf auch für Woody Allen, der seinen inzwischen fünfundvierzigsten Film außer Konkurrenz in Cannes präsentierte, und da heißt der Ruf längst schon „mal so, mal so“ oder auch „muss nicht mehr sein“. Nach knapp hundert Minuten, in denen sich der Rhythmus von Schnitt und Spiel zur immer wieder gespielten Instrumentalversion des Ramsey Lewis Trios von „The In Crowd“ eingroovt, können wir fröhlich berichten: „Mal so“ heißt heute: Dies ist Woody Allens bester Film zur Frage des perfekten Mords seit „Match Point“. Komisch. Sehr komisch teilweise. Leicht gespielt von Joaquin Phoenix und Emma Stone als versoffen brillantem Professor und seiner Schülerin, die durch Zufall eine Unterhaltung mit anhören, die ihrer beider Leben grundlegend verändert. Was für Abe bedeutet, er findet wieder einen Sinn. Eine Bedeutung. Und Freude.

          Dass er Philosophie unterrichtet, mit der Müdigkeit dessen, der die Welt kennt und wenig Ähnlichkeit mit den Theorien seines Fachs festgestellt hat, gibt Allen die Möglichkeit, einige seiner liebsten Themen in dieser Komödie zu verhandeln: Wählen wir unser Schicksal oder umgekehrt? Ist die kleinste Lüge schon inakzeptabel? Ist es Zufall oder Bestimmung, was uns zustößt? Es sind die Themen, an denen Allen herumknabbert, seit er Filme macht, mal so, mal so eben, ernsthaft vertieft oder als Matrix seiner komischen Variationen, und hier nutzt er sie als Vorlage für seinen beißenden Witz, den er nicht nur dem Professor, sondern auch seiner Schülerin in die Dialoge schreibt.

          Ein College-Film also? Eine Mordkomödie? Ein philosophisches Spiel zur Frage: Lässt sich der Mord an einem schlechten Menschen mit „post-war French existentialist rationalizing“ aus der Welt schaffen? Alles das. Und dazu noch die Antwort auf die Frage, ob es wirklich die besten Ideen sind, die unter dem Druck einer Deadline zustande kommen.

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