https://www.faz.net/-gs6-82av1

Filmfestival in Cannes : Selfie, nein danke

  • -Aktualisiert am

Ein Letzter Selfie aus Cannes: Die Zeiten des Posings mit Telefon sind vorüber Bild: Reuters

Trendwende: Während die Filmdiven vergangener Tage alles daran setzten, um nicht mehr fotografiert zu werden, lichten sich heutige Stars gerne selbst ab. Das Filmfestival in Cannes will dem jetzt Einhalt gebieten.

          Marlene Dietrich wählte das Dunkel, die Garbo tellergroße Sonnenbrillen. Elegant. Unmissverständlich. Zu Tode fotografiert, wollten sie vor allem eines: nie wieder fotografiert werden. Nie wieder das eigene Bild sehen. Nie wieder im Abbild angegafft werden, zu Zeiten und Zwecken, die sie nicht kannten und nicht kennenlernen wollten. Sie wussten noch nichts vom Selfie. Sie kannten nur Paparazzi. Vor die Wahl gestellt, wer ihre Abkehr vom öffentlichen Bild unterlaufen würde: ein schmieriger Typ, der für ein Foto von ihnen über jeden Zaun klettern, jeden Concierge bestechen, jede Grenze überschreiten würde, oder sie selbst – wie hätten sich die beiden Ladies entschieden? Vermutlich hätten sie die Alternative für lächerlich gehalten, sich ein Tuch über den Kopf gezogen und wären ins Dunkle geflohen.

          Wie scharf Leute, die sowieso ununterbrochen fotografiert werden, heute darauf sind, sich auch noch selbst abzulichten, wissen wir spätestens, seit Ellen DeGeneres bei der Oscar-Verleihung im vergangenen Jahr zum Selfie bat und alle sich ins Bild drängelten. Wir sehen es aber auch an jedem roten Teppich, über den die Stars mit gezücktem Mobiltelefon tänzeln, bei Pressekonferenzen, Fotoshootings. Das Celebrity-Selfie, über Instagram oder sonstwie global verbreitet, spricht von einem anderen Narzissmus, einem anderen Kontrollwahn als dem der großen Diven des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Das Filmfestival in Cannes hat nun beschlossen, der unstillbaren Selbstverliebtheit einen Riegel vorzuschieben. Mit immer noch strengen Dresscodes, der auch die Kameramänner und Fotografen am roten Teppich und der großen Freitreppe zum Festivalpalast hinauf in dunkle Anzüge oder Smokings zwingt, ist Cannes einer der letzten Orte für große Garderoben am helllichten Tag. Doch seit die Stars sich selbst dabei fotografieren, wie sie die berühmten Stufen erklimmen, hat die Eleganz der Veranstaltung gelitten. Deshalb hat die Festivalleitung angekündigt, das Selfieschießen einzudämmen. Es sei grotesk und lächerlich und halte den Ablauf auf. Eine Bastion der Vernunft? Oder ein hilfloser Versuch, Manieren einzufordern? Wir werden sehen. Die Diven, die erwartet werden, Cate Blanchett, Marion Cotillard, Isabelle Huppert, sie kamen auch bisher ohne Selfie aus.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Die neue Mündlichkeit

          FAZ Plus Artikel: Youtube : Die neue Mündlichkeit

          Rezos Video rechnet mit Lesern, die lesen können, aber meistens nicht gelesen haben, was er für sie gelesen hat. Wie Youtube das Verhältnis von gesprochenem Wort, Schrift und Wissen verändert.

          Keine Pelze mehr für Mäntel Video-Seite öffnen

          Norwegen verbietet Farmen : Keine Pelze mehr für Mäntel

          Nerze sollen in Norwegen künftig nicht mehr geschlachtet und gehäutet werden dürfen: Die Regierung will den Bau neuer Pelzfarmen verbieten, bestehende sollen bis 2025 geschlossen werden. Während Tierschutzaktivisten jubeln, sorgen sich Züchter um ihre eigene Zukunft.

          „Dschinn“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dschinn“

          „Dschinn“ läuft ab Donnerstag, den 13. Juni auf Netflix.

          Topmeldungen

          Ehemaliger Lebensmittelladen in Loitz: Der Solidaritätszuschlag dient in erster Linie zur Finanzierung der Kosten, die die deutsche Wiedervereinigung verursacht hat. (Archiv)

          Wortbruch der Union : Soli-Schmerzen

          Dass ein Teil des Soli bleibt, dürfte für die Betroffenen finanziell zu verschmerzen sein. Nicht aber der Wortbruch der Union – und das bittere Gefühl, dass ihr Sondereinsatz für das Land nicht einmal wertgeschätzt wird.
          Trotz Sanktionen: Schweißer arbeiten Anfang April im Karosseriebau des Mercedes-Benz Werks im Industriepark Jessipowo bei Moskau

          Russland-Sanktionen : Der Preis des Zurückweichens

          Die Russland-Sanktionen waren ein Signal. Deren Aufhebung wäre es erst recht – die EU würde damit demonstrativ vor Moskaus Politik der Gewalt und Drohung zurückweichen.

          FAZ Plus Artikel: Youtube : Die neue Mündlichkeit

          Rezos Video rechnet mit Lesern, die lesen können, aber meistens nicht gelesen haben, was er für sie gelesen hat. Wie Youtube das Verhältnis von gesprochenem Wort, Schrift und Wissen verändert.
          Der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard. (Archiv)

          EZB-Konferenz in Sintra : „Es gibt keine Schuldenkrise“

          Die Eurozone braucht eine expansive Finanzpolitik und weniger strenge Schuldenregeln, sagt der Ökonom Olivier Blanchard bei der EZB-Konferenz in Sintra. Strukturreformen alleine genügten nicht, um das Wirtschaftswachstum zu beleben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.