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„The Assassin“ in Cannes : Wehe dem, der seinen Körper trainiert, aber nicht sein Herz

Eine allzu junge Mörderin: Shu Qi in „The Assassin“ Bild: dpa

Hou Hsiao-Hsien aus Taiwan stellt in Cannes seinen Film „The Assassin“ vor und überzeugt die Zuschauer. In eineinhalb Stunden hat er ihnen etwas Kostbares geschenkt: Zeit und Schönheit.

          2 Min.

          Ein Film wie „The Assassin“ des Chinesen Hou Hsiao-Hsien aus Taiwan kann auf zwei Arten von Zuschauern treffen: den ungeduldigen, der mit den Füßen scharrt, wenn die Kamera länger als ein paar Sekunden über einer Hügellandschaft im Frühmorgendunst in der Inneren Mongolei verharrt und zuschaut, wie sich ein Fetzen Nebel löst und langsam die Hänge hochkriecht. Oder den sofort gebannten, der auf die Leinwand starrt, die Hände in die Lehnen krallt und beobachtet, wie ganz im Hintergrund des Bildes sich ein paar Bauern auf den Heimweg machen, und der darauf gespannt ist, ob möglicherweise auch im Vordergrund bald etwas geschehen wird, eine schwarze Gestalt zum Beispiel mit einem krummen Dolch in der Hand aus den Bäumen fallen wird wie eine Feder und einem Mann, auf einem Pferd unterwegs, die Gurgel durchschneidet, in Blitzesschnelle. Unterdessen fängt das Hüsteln der Ungeduldigen an. Und kaum hat einer losgelegt, zurückhaltend und fast diskret, fallen die anderen ein. Und die Stille bricht, und das Giggeln geht los, und man würde gern rufen: Silence!

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          So war es am Abend der ersten Vorstellung des „Assassin“. Hingerissene Zuschauer und enervierte. Der Film hielt stand. Beiden. Ein Wunder eigentlich, dass es keinen Streit gab. Aber offenbar spürten selbst die Giggelnden, Unerreichbaren, dass in diesen gut eineinhalb Stunden etwas Kostbares geschah. Uns wurde Zeit geschenkt. Und Schönheit.

          Eine Assassine, die nicht tötet

          Das ist nun bei einem Meister wie Hou Hsiao-Hsien keine ganz unerwartete Erfahrung. Da er aber in den Wettbewerb seinen ersten Martial-Arts-Film brachte, ein Genre, das so gar nicht zu ihm zu passen scheint und das er in größter Ruhe zerlegte, gab es schon auch die Frage: Kann er das?

          Mit vollkommener Gelassenheit ging er vor. Machte, was er immer macht: beobachten, sich die Dinge entwickeln lassen, Abstand halten. Die Geschichte spielt im neunten Jahrhundert in den letzten Jahren der Tang-Dynastie, und es geht um eine junge Frau, die als Kind in ein Kloster geschickt wurde, dort die Kunst des Tötens lernte und ihren Körper stählte, aber nicht ihr Herz. Sie ermordet zweimal nicht die, die sie ermorden soll, einmal, weil ein Kind dabei ist, das zweite Mal, weil sie den Mann liebt, den sie töten soll. Das ist schon die ganze Geschichte, und sie wird in ihren Hintergründen andeutungsweise erzählt, während einer Frau der Schmuck angelegt oder ein Bad eingelassen wird, beides möglicherweise hinter sanft wehenden Tüchern oder Vorhängen oder im Flackern eines Feuers, dessen Rauch ins Bild zieht und alle Schärfe aus ihm nimmt. Dabei gibt es in jedem Bild eine Unzahl von Details bis hin zu einer Figur ganz hinten, die im Unschärfebereich die Rückwand des Sets abstaubt.

          Shu Qi spielt die junge Mörderin. Es dauert eine gute Stunde, bis sie den ersten Satz sagt, und der ist kurz. Dafür hören wir das Knistern der Feuer bei einem Magier, der Totems bastelt, das Klirren der Schwerter, wenn sie denn mal gekreuzt werden, ein Schnauben von Esel, Pferd oder Läufer, den Wind und die Grillen. Und dann verschwindet das alles wieder. Aber es war kein Traum.

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