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Filmfestspiele in Cannes : Eine Gespenstin geht um im Autorenkino

Die Filme der Meisteregisseure - das Bild zeigt Kirsten Stewart in „Personal Shopper“ von Olivier Assayas - wirkten in diesem Jahr mehr denn je wie eine alte, immer fragwürdiger werdende Gewohnheit Bild: dpa

Das Festival von Cannes will den Stand der Filmkunst abbilden, aber die gespenstische Reproduktion im internationalen Autorenkino hindert es daran. Eine Reihe von neuen Filmen aber ließ in diesem Jahr dann doch hoffen.

          5 Min.

          Gibt es Geister? Bedrohen sie uns, oder sind sie uns freundlich gesinnt? Was wollen sie uns sagen, wenn es rumpelt im Stockwerk über uns, in dem schon lange niemand mehr lebt, oder wenn sie gegen die Fenster schlagen, nachdem die Nacht sich gesenkt hat und draußen der Wind mit den Ästen der Bäume kämpft? Olivier Assayas hat einen Film darüber gedreht mit Kristen Stewart als „Personal Shopper“, und dabei herausgekommen ist eine formale Studie darüber, wie ein Geisterfilm funktioniert und ob er sich glaubhaft mit einem Thriller verbinden kann. Die Malerin Hilma af Klint, ihrerseits einst der Welt der wandernden Seelen zugewandt, bekommt einen Auftritt, allerdings nicht als Geist, sondern nur auf dem Monitor des Smartphones der Heldin, einigen Bildern an der Wand und mit dem Katalog der großen Stockholmer Retrospektive, der dekorativ herumliegt, wo mit anderen Geistern oder auch Mördern zu rechnen ist. Worum es sonst noch geht? Um nichts weiter. Im Zentrum des Erzählten ist dieser Film vollkommen leer. Manche bewundern das, andere gähnen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wenn man zusammenfassen will, was in den vergangenen zehn Tagen in Cannes zu sehen war, ist Assayas ein gutes Beispiel. Er ist ein Regisseur, der schon zum sechsten Mal einen Film im Wettbewerb hier zeigt, und zwar einen, der sich, zumindest was die Anlage seiner Hauptfigur angeht, an seinen vorangegangenen („Wolken von Sils Maria“) anlehnt, in dem Kristen Stewart auch schon die Assistentin einer Filmdiva gespielt hat.

          Wie eine alte Gewohnheit

          Ähnlich merkwürdig und von Geistern unterschiedlicher Herkunft beseelt, war ein Gutteil des Festivals, das nun zu Ende geht. Hochkarätig besetzt mit ehemaligen Palmengewinnern, sonstigen Cannes-Veteranen und großen Namen des internationalen Autorenkinos, von denen nichts Schwaches zu erwarten war und nichts Unwürdiges kam, war es einerseits eine risikolose Angelegenheit. Es konnte nichts wirklich schiefgehen.

          Andererseits sahen die meisten der neuen Filme dieser hochkarätigen Autoren in Cannes genauso aus wie die früheren Filme dieser hochkarätigen Autoren, weshalb sich mit der Zeit eine gewisse Müdigkeit breitmachte. Sie liefen hier im Wettbewerb, als sei es eine alte Gewohnheit, die sich nicht abstreifen lässt, und so fühlte es sich beim Zuschauen oft auch an – etwas abgestanden, vorbei eigentlich, doch immer noch da wie der Geist eines einst lieben Gastes, der nicht gehen will.

          Woher weht der frische Wind im Geisterhaus?

          Woody Allen brachte einen Woody-Allen-Film, Ken Loach ein Sozialdrama, die Brüder Dardenne eine Studie über moralische Verantwortung, Jim Jarmusch ein filmisches Alltagspoem, das nach Jim Jarmusch aussah. Pedro Almodóvar hatte einen milden Almodóvar-Film im Gepäck und Xavier Dolan einen Film, der zeitweise wie ein Almodóvar-Film von früher aussah, mit Kuckucksuhr auf roter Tapete und opernhaft inszenierten Szenen der großen Gefühle, die sich dann doch in stilvolle Reklameästhetik mit flatternden Tüchern, Vögelchen und so weiter auflösten. All diese Filme werden, wenn und falls sie ins reguläre Kinoprogramm finden, einen ordentlichen Eindruck machen, auch wenn sie im Werk der Herren marginal bleiben. Sie werden von einer mittleren Menge von Menschen gesehen werden, passable oder sogar begeisterte Kritiken bekommen angesichts dessen, was sonst noch im Angebot ist, und weiter wird nichts gewesen sein.

          Das muss, wenn es ums Kinoprogramm geht, auch nicht unbedingt sein. Auf einem Festival wie dem von Cannes aber, das von sich behauptet, der Mittelpunkt der Welt des Autorenfilms zu sein und dem Kino eine Zukunft zu weisen, auf solch einem Festival frustriert auf Dauer die Versammlung des Bewährten von den immergleichen Leuten hinter der Kamera.

          Kinotrailer : „Toni Erdmann“

          Ihrer aller Filme bildeten eine Art Betonbasis für den Rest des Festivals. Ein Fundament, an dem die paar indiskutablen Filme im Programm abprallten, aber auch eines, durch das sich lebendigere Filme durchkämpfen mussten, um ein paar Risse zu produzieren. Da war als Erstes Maren Ade. Wobei ihr Film „Toni Erdmann“ in Cannes eine Entdeckung war, die Regisseurin selbst aber nicht wie Jack aus der Box sprang. Wir kannten sie doch vorher, wir wussten, dass ihre beiden Filme allen Anlass boten, Klasse zu erwarten. Überraschend war nur, mit wie viel Gelächter ihr Film, der im Herzen ein Drama ist, daherkommt, und dass er quer durch die Bank, unabhängig von Nationalität und Sprache, die Leute begeisterte. Maren Ade war zum ersten Mal in Cannes; das trifft außerdem nur noch auf drei Konkurrenten im Wettbewerb zu. Woher soll der frische Wind da wehen? Maren Ade gilt weiterhin als Favoritin für einen Preis hier. Wie auch Andrea Arnold mit ihrem Film „American Honey“. Was wäre das für ein Fest, wenn diese beiden unerschrockenen Regisseurinnen hier die Palmen abräumten!

          Glanzstücke ungeachtet des Gesamteindrucks

          Bevor aber nur noch von den Siegern (unter denen, so heißt es im Gegrummel, auch Jim Jarmusch sein könnte) die Rede sein wird: Es gab jenseits des Gesamteindrucks ein paar Filme, die einen zweiten und dritten Blick verdienen. Aus Rumänien liefen neben dem wunderbaren „Sieranevada“ von Cristi Puiu später im Festival zwei weitere Filme, völlig unterschiedlich, verbunden aber durch die disziplinierte Form und die trostlose Umgebung in der diese Geschichten, sämtlich Familiengeschichten übrigens, spielen – in einem fast unbesiedelten Gebiet am Rand von Bulgarien der eine, in einer Kleinstadt, in der die Gesichter und die Kleidung der Menschen fast so grau sind wie die Häuserblöcke und der aufgerissene Asphalt, der andere.

          Auch dieser Film hätte eine Palme verdient: „American Honey“ von Andrea Arnold.
          Auch dieser Film hätte eine Palme verdient: „American Honey“ von Andrea Arnold. : Bild: dpa

          In dieser namenlosen Stadt spielt sich in Cristian Mungius „Bacalaureat“ ein moralisches Drama ab, das auch Michael Haneke interessiert hätte (eine Hauptrolle spielt Maria Dragus, die auch im „Weißen Band“ dabei war): Darf in einem System, das von Korruption getrieben ist, eine solche Gefälligkeit in Anspruch genommen werden, weil ihr eine Ungerechtigkeit vorausging? Wäre alle Anstrengung, sauber zu bleiben, damit vergeblich gewesen, oder gibt es Ausnahmen von der Regel, alle hätten das gleiche Recht, wenn es sowieso nicht stimmt? „Bacalaureat“ erforscht dieses Geben und Nehmen minutiös, das ein Überleben ermöglicht, Chancen eröffnet, Freundschaften bezeichnet, und er tut dies urteilsfrei den Figuren gegenüber.

          Angesichts des Zustands des Landes und angesichts seiner Vergangenheit, in der die Älteren noch festhängen, ist es kein Wunder, dass sie für die Jüngeren ein Leben anderswo wollen. Alles daransetzen, damit sie gehen können – was das genannte Dilemma aufwirft, realistisch erzählt, nah an den Figuren, durch die sehr bewegliche Handkamera fast schmerzhaft unmittelbar. Einer der besten Filme des Festivals, auch das ist hier einhellige Meinung. Den gegenteiligen formalen Weg wählte Bogdan Mirică in seinem Film „Câini“ (Hunde). Er drehte eine Westernvariation rund um einen Landverkauf von vielen Hektar, mit denen „selbst die Kommunisten mit ihren Kollektivfarmen“ nichts anfangen konnten. Der Junge, der das geerbte Land verkaufen will, ahnt nicht, dass es in den alten Strukturen, die er gar nicht mehr durchschaut, einem ganz anderen Zweck zugeführt worden war. Das Land, das wir da sehen, glüht zwar, wenn die Sonne untergeht. Aber Freiheit ist hier nicht zu haben.

          Es gibt keinen Zweifel daran, dass Rumänien so aussieht wie in den Filmen dieser drei. Doch die cineastische Phantasie, stilsicher, formstreng gefasst, scheint zu blühen. Seit Jahren schon ist das rumänische Kino stark, auch in Cannes. Mirică stellte sein Debüt in der Sektion Un certain regard vor, Mungiu hat schon eine Goldene Palme (für „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“), was nicht heißt, dass eine zweite unmöglich ist. Aber auch Cristi Puiu dürfte Chancen auf eine Auszeichnung haben.

          Was ist nun mit den Geistern in Cannes? Kann sie mal jemand verjagen, bitte: Fenster auf, Licht rein, frisches Blut – mehr davon, das ist es, was das Festival braucht.

          Täglich Neues aus Cannes gibt es im Blog von Verena Lueken unter www.faz.net/cannes

           

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