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Filmfestspiele in Cannes : Eine Gespenstin geht um im Autorenkino

Die Filme der Meisteregisseure - das Bild zeigt Kirsten Stewart in „Personal Shopper“ von Olivier Assayas - wirkten in diesem Jahr mehr denn je wie eine alte, immer fragwürdiger werdende Gewohnheit Bild: dpa

Das Festival von Cannes will den Stand der Filmkunst abbilden, aber die gespenstische Reproduktion im internationalen Autorenkino hindert es daran. Eine Reihe von neuen Filmen aber ließ in diesem Jahr dann doch hoffen.

          Gibt es Geister? Bedrohen sie uns, oder sind sie uns freundlich gesinnt? Was wollen sie uns sagen, wenn es rumpelt im Stockwerk über uns, in dem schon lange niemand mehr lebt, oder wenn sie gegen die Fenster schlagen, nachdem die Nacht sich gesenkt hat und draußen der Wind mit den Ästen der Bäume kämpft? Olivier Assayas hat einen Film darüber gedreht mit Kristen Stewart als „Personal Shopper“, und dabei herausgekommen ist eine formale Studie darüber, wie ein Geisterfilm funktioniert und ob er sich glaubhaft mit einem Thriller verbinden kann. Die Malerin Hilma af Klint, ihrerseits einst der Welt der wandernden Seelen zugewandt, bekommt einen Auftritt, allerdings nicht als Geist, sondern nur auf dem Monitor des Smartphones der Heldin, einigen Bildern an der Wand und mit dem Katalog der großen Stockholmer Retrospektive, der dekorativ herumliegt, wo mit anderen Geistern oder auch Mördern zu rechnen ist. Worum es sonst noch geht? Um nichts weiter. Im Zentrum des Erzählten ist dieser Film vollkommen leer. Manche bewundern das, andere gähnen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wenn man zusammenfassen will, was in den vergangenen zehn Tagen in Cannes zu sehen war, ist Assayas ein gutes Beispiel. Er ist ein Regisseur, der schon zum sechsten Mal einen Film im Wettbewerb hier zeigt, und zwar einen, der sich, zumindest was die Anlage seiner Hauptfigur angeht, an seinen vorangegangenen („Wolken von Sils Maria“) anlehnt, in dem Kristen Stewart auch schon die Assistentin einer Filmdiva gespielt hat.

          Wie eine alte Gewohnheit

          Ähnlich merkwürdig und von Geistern unterschiedlicher Herkunft beseelt, war ein Gutteil des Festivals, das nun zu Ende geht. Hochkarätig besetzt mit ehemaligen Palmengewinnern, sonstigen Cannes-Veteranen und großen Namen des internationalen Autorenkinos, von denen nichts Schwaches zu erwarten war und nichts Unwürdiges kam, war es einerseits eine risikolose Angelegenheit. Es konnte nichts wirklich schiefgehen.

          Andererseits sahen die meisten der neuen Filme dieser hochkarätigen Autoren in Cannes genauso aus wie die früheren Filme dieser hochkarätigen Autoren, weshalb sich mit der Zeit eine gewisse Müdigkeit breitmachte. Sie liefen hier im Wettbewerb, als sei es eine alte Gewohnheit, die sich nicht abstreifen lässt, und so fühlte es sich beim Zuschauen oft auch an – etwas abgestanden, vorbei eigentlich, doch immer noch da wie der Geist eines einst lieben Gastes, der nicht gehen will.

          Woher weht der frische Wind im Geisterhaus?

          Woody Allen brachte einen Woody-Allen-Film, Ken Loach ein Sozialdrama, die Brüder Dardenne eine Studie über moralische Verantwortung, Jim Jarmusch ein filmisches Alltagspoem, das nach Jim Jarmusch aussah. Pedro Almodóvar hatte einen milden Almodóvar-Film im Gepäck und Xavier Dolan einen Film, der zeitweise wie ein Almodóvar-Film von früher aussah, mit Kuckucksuhr auf roter Tapete und opernhaft inszenierten Szenen der großen Gefühle, die sich dann doch in stilvolle Reklameästhetik mit flatternden Tüchern, Vögelchen und so weiter auflösten. All diese Filme werden, wenn und falls sie ins reguläre Kinoprogramm finden, einen ordentlichen Eindruck machen, auch wenn sie im Werk der Herren marginal bleiben. Sie werden von einer mittleren Menge von Menschen gesehen werden, passable oder sogar begeisterte Kritiken bekommen angesichts dessen, was sonst noch im Angebot ist, und weiter wird nichts gewesen sein.

          Das muss, wenn es ums Kinoprogramm geht, auch nicht unbedingt sein. Auf einem Festival wie dem von Cannes aber, das von sich behauptet, der Mittelpunkt der Welt des Autorenfilms zu sein und dem Kino eine Zukunft zu weisen, auf solch einem Festival frustriert auf Dauer die Versammlung des Bewährten von den immergleichen Leuten hinter der Kamera.

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