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Filmfestspiele in Cannes : Eine Gespenstin geht um im Autorenkino

Kinotrailer : „Toni Erdmann“

Ihrer aller Filme bildeten eine Art Betonbasis für den Rest des Festivals. Ein Fundament, an dem die paar indiskutablen Filme im Programm abprallten, aber auch eines, durch das sich lebendigere Filme durchkämpfen mussten, um ein paar Risse zu produzieren. Da war als Erstes Maren Ade. Wobei ihr Film „Toni Erdmann“ in Cannes eine Entdeckung war, die Regisseurin selbst aber nicht wie Jack aus der Box sprang. Wir kannten sie doch vorher, wir wussten, dass ihre beiden Filme allen Anlass boten, Klasse zu erwarten. Überraschend war nur, mit wie viel Gelächter ihr Film, der im Herzen ein Drama ist, daherkommt, und dass er quer durch die Bank, unabhängig von Nationalität und Sprache, die Leute begeisterte. Maren Ade war zum ersten Mal in Cannes; das trifft außerdem nur noch auf drei Konkurrenten im Wettbewerb zu. Woher soll der frische Wind da wehen? Maren Ade gilt weiterhin als Favoritin für einen Preis hier. Wie auch Andrea Arnold mit ihrem Film „American Honey“. Was wäre das für ein Fest, wenn diese beiden unerschrockenen Regisseurinnen hier die Palmen abräumten!

Glanzstücke ungeachtet des Gesamteindrucks

Bevor aber nur noch von den Siegern (unter denen, so heißt es im Gegrummel, auch Jim Jarmusch sein könnte) die Rede sein wird: Es gab jenseits des Gesamteindrucks ein paar Filme, die einen zweiten und dritten Blick verdienen. Aus Rumänien liefen neben dem wunderbaren „Sieranevada“ von Cristi Puiu später im Festival zwei weitere Filme, völlig unterschiedlich, verbunden aber durch die disziplinierte Form und die trostlose Umgebung in der diese Geschichten, sämtlich Familiengeschichten übrigens, spielen – in einem fast unbesiedelten Gebiet am Rand von Bulgarien der eine, in einer Kleinstadt, in der die Gesichter und die Kleidung der Menschen fast so grau sind wie die Häuserblöcke und der aufgerissene Asphalt, der andere.

Auch dieser Film hätte eine Palme verdient: „American Honey“ von Andrea Arnold.
Auch dieser Film hätte eine Palme verdient: „American Honey“ von Andrea Arnold. : Bild: dpa

In dieser namenlosen Stadt spielt sich in Cristian Mungius „Bacalaureat“ ein moralisches Drama ab, das auch Michael Haneke interessiert hätte (eine Hauptrolle spielt Maria Dragus, die auch im „Weißen Band“ dabei war): Darf in einem System, das von Korruption getrieben ist, eine solche Gefälligkeit in Anspruch genommen werden, weil ihr eine Ungerechtigkeit vorausging? Wäre alle Anstrengung, sauber zu bleiben, damit vergeblich gewesen, oder gibt es Ausnahmen von der Regel, alle hätten das gleiche Recht, wenn es sowieso nicht stimmt? „Bacalaureat“ erforscht dieses Geben und Nehmen minutiös, das ein Überleben ermöglicht, Chancen eröffnet, Freundschaften bezeichnet, und er tut dies urteilsfrei den Figuren gegenüber.

Angesichts des Zustands des Landes und angesichts seiner Vergangenheit, in der die Älteren noch festhängen, ist es kein Wunder, dass sie für die Jüngeren ein Leben anderswo wollen. Alles daransetzen, damit sie gehen können – was das genannte Dilemma aufwirft, realistisch erzählt, nah an den Figuren, durch die sehr bewegliche Handkamera fast schmerzhaft unmittelbar. Einer der besten Filme des Festivals, auch das ist hier einhellige Meinung. Den gegenteiligen formalen Weg wählte Bogdan Mirică in seinem Film „Câini“ (Hunde). Er drehte eine Westernvariation rund um einen Landverkauf von vielen Hektar, mit denen „selbst die Kommunisten mit ihren Kollektivfarmen“ nichts anfangen konnten. Der Junge, der das geerbte Land verkaufen will, ahnt nicht, dass es in den alten Strukturen, die er gar nicht mehr durchschaut, einem ganz anderen Zweck zugeführt worden war. Das Land, das wir da sehen, glüht zwar, wenn die Sonne untergeht. Aber Freiheit ist hier nicht zu haben.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Rumänien so aussieht wie in den Filmen dieser drei. Doch die cineastische Phantasie, stilsicher, formstreng gefasst, scheint zu blühen. Seit Jahren schon ist das rumänische Kino stark, auch in Cannes. Mirică stellte sein Debüt in der Sektion Un certain regard vor, Mungiu hat schon eine Goldene Palme (für „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“), was nicht heißt, dass eine zweite unmöglich ist. Aber auch Cristi Puiu dürfte Chancen auf eine Auszeichnung haben.

Was ist nun mit den Geistern in Cannes? Kann sie mal jemand verjagen, bitte: Fenster auf, Licht rein, frisches Blut – mehr davon, das ist es, was das Festival braucht.

Täglich Neues aus Cannes gibt es im Blog von Verena Lueken unter www.faz.net/cannes

 

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