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Filmfestspiele Cannes 2013 : Die harte Klinge der Armut

Ein Sozaildrama und ein großer Film zugleich: Szene aus Jia Zhangkes „A Touch of Sin“ Bild: dpa

Blutrot ist die Farbe des Films „A Touch of Sin“: Jia Zhangkes chinesischer Beitrag zum Wettbewerb in Cannes gibt den Getretenen ihre Würde zurück. Und auf dem Heimweg vom Kino stellt sich eine beklemmende Frage.

          Würden Sie gern die Yacht eines Milliardärs mieten? Sich eine Chanel-Tasche umhängen? Das sind so die Fragen, mit denen man in Cannes täglich konfrontiert wird. Mieten Sie ein Zimmer mit Blick auf den roten Teppich, laden Sie ein paar Freunde ein, und für ein paar Tausender erleben Sie eine herrliche halbe Stunde! Im Trockenen noch dazu, was man dieser Tage anfügen muss, es regnet nämlich schon wieder.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ähnliche Fragen, weniger direkt gestellt, müssen die Chinesen verzweifeln lassen. Wobei mit Chinesen normale Bürger des Weltreichs gemeint sind, nicht „die Chinesen“, die in Cannes natürlich wegen ihrer immensen Marktmacht auch größte Beachtung finden. Die Chinesen, die in einem Land leben, das in den letzten dreißig Jahren eine Veränderung durchlaufen hat, die allen bis auf einigen den Atem raubt - für sie interessiert sich Jia Zhangke.

          Sein Wettbewerbsbeitrag „Tian Zhu Ding“ (A Touch of Sin) gehört zu jenen Filmen, auf die alle gespannt waren. Jia hat immer wieder mit der Zensur zu kämpfen gehabt in der Vergangenheit, „A Touch of Sin“ allerdings ist eine Koproduktion von Jias Xstream Production und dem im Wesentlichen staatlich finanzierten Studio Shanghai Film Group. Die Beteiligung des Studios spricht meistens dafür, dass das Drehbuch den offiziellen Absegnungsprozess durchlaufen hat. Was also würde Jia diesmal zeigen?

          Der Abgrund zwischen Armen und Reichen

          Vier Chinesen im Aufruhr. Vier Menschen, deren Leben sich mit tatsächlichen Begebenheiten überschneiden, über die in China nicht gern öffentlich gesprochen wird: das katastrophale Unglück mit dem Hochgeschwindigkeitszug im Jahr 2011, die Serie von Selbstmorden bei Foxcon, Bonzenmorde. Es geht also um die sich aufstachelnde alltägliche Gewalt, die sich Bahn bricht, wenn der Abgrund zwischen Armen und Reichen zu groß wird. Wenn die einen eine Milliardärsyacht haben oder wenigstens mieten können und die anderen auf der Suche nach Arbeit durchs Land ziehen.

          Erst mal sehen wir einen umgekippten Tomatenlaster, der Fahrer liegt irgendwo unter einem Tuch und ist offenbar tot. Die Tomaten aber liegen dekorativ in der Landschaft, und ein Mann, der daneben steht, wirft ein Exemplar des blutroten Gemüses wie ein Jongleur in die Luft. Blutrot ist eine wiederkehrende Farbe in Jias Film, und nur hier sind es Tomaten.

          Die erste Geschichte gehört diesem Jongleur, der so heldenhaft wie erfolglos gegen die Korruption in seinem Minenstädtchen ankämpft, schließlich zum Gewehr greift und einige Bürokraten, einen Mann, der sein Pferd misshandelt, einen Buchhalter und dessen Frau und schließlich den Boss der Minengesellschaft in dessen Maserati erlegt.

          Ein Wanderarbeiter, eine Empfangsdame, ein Junge

          Wir verlassen den Jongleur, der Dohai heißt, als er blutbespritzt wie in einem Tarantino-Film auf dem Rücksitz dieses seltsamen Fahrzeugs, das vor der Fabrik einem Ufo gleichkommt, sein Gewehr in den Schoß legt und durch die organische Schmiere hindurch aus dem Fenster in die staubige Landschaft blickt.

          Der zweite Mann ist ein Wanderarbeiter, der schießt wie ein Martial Artist, schnell, treffsicher, stoisch. Die dritte Person ist eine Frau, die in einer Sauna als Empfangsdame arbeitet, dort von einem Kunden zur Prostitution gezwungen werden soll, schließlich ein Messer zückt und vielfach außerordentlich gekonnt zusticht, nachdem der Mann sie mit einem Bündel Geldscheine blutig geschlagen hat.

          Und dann ist da noch der Junge, der von Arbeit zu Arbeit zieht und sich irgendwann einfach von einem Balkon fallen lässt. In all diesen Geschichten wechselt realistisches Erzählen mit Elementen des Martial-Arts-Kinos, wozu das viele Blut gehören, die kunstvolle Handhabung der Waffen und das Rächermotiv.

          Was dazu führt, dass wir nicht einem großen Sozialdrama, sondern einem großartigen Film zuschauen, wie er jenen Menschen, über die die Reichen hinwegsteigen, ihre Würde wiedergibt. Auf dem Heimweg, vorbei an den Bettlern, die in den Eingangsnischen der Immobiliengeschäfte auf der Rue d’Antibes Quartier bezogen haben, fragt man sich: Was wäre, wenn einer von ihnen nicht betrunken wäre, sondern aufstünde, ein Schwert zöge und die Truppe von Smokingträgern, die gerade seine Bettelzigarrenkiste umgetreten hat, massakrierte?

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