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Filmfestspiele Cannes : Tja, Mutter, das hättest du jetzt nicht gedacht

Jane Campion, Vorsitzende der Jury, gemeinsam mit dem Gewinner der Goldenen Palme Nuri Bilge Ceylan Bild: REUTERS

Manchmal muss es eben quadratisch sein: Der Kanadier Xavier Dolan zeigt mit der Mutter-und-Sohn-Geschichte „Mommy“ Kino jenseits des Vorhersehbaren und hebt sich damit von der Masse ab. Ein erster Cannes-Rückblick.

          3 Min.

          In einer Stimmung leiser Melancholie lief das Festival seinem Ende entgegen. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass sich der Himmel plötzlich verdunkelte und sturmartige Böen über die Croisette pfiffen, während es zu regnen begann. Es lag schon an den Filmen. Weil dann doch eintrat, was bei Veröffentlichung des Programms als Möglichkeit in der Luft gelegen hatte: Zu viele alte Meister brächten vielleicht zu viel von dem Immerselben mit nach Cannes.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun ist immer noch eine Portion mehr von etwas Gutem nichts Schlechtes. Das zeigte vor allem der Film der Dardenne-Brüder, die ihre von der sozialen Mitte ein kleines Stück weggerückten Geschichten immer weiter reduzieren. Aber ein Film wie „Jimmy’s Hall“ von Ken Loach – ein solides Stück Erzählkino mit engagiertem Anspruch–, wie oft haben wir so etwas schon gesehen? Es ist Loachs vierundzwanzigster Spielfilm, und es fühlt sich so an, als seien sie alle in Cannes gelaufen. Dieser hier knüpft auch noch thematisch an den letzten an, mit dem Loach vor ein paar Jahren die Goldene Palme gewonnen hat. Mich überfiel eine unendliche Müdigkeit, während ich den Film schaute. Und das wiederum hatte nicht nur damit zu tun, dass es morgens um halb neun war.

          Vierzig Filme gesehen in neun Tagen, darunter nicht wenige wunderbare, und immer noch nicht satt. Wie kann das sein?

          Wenig Fremdes

          Vielleicht liegt es daran, dass wir so wenig andernorts unterwegs waren. Seit am Anfang „Timbuktu“ einen Springbock durch die Wüste gejagt hatte, kamen die Filme im Wettbewerb lange nicht an Orte dieser Welt, die wir so, wie sie uns da gezeigt wurden, nicht in- und auswendig kennen. Selbst die Klingeltöne der Mobiltelefone klangen in den meisten Filmen genauso wie im Publikum. Ein Globalisierungseffekt, der jetzt auch das Kino erreicht hat – alles sieht überall genauso aus.

          Dabei wollte ich vor allem eines: die Augen aufreißen vor irgendeiner Fremdheit. Aber das Kino war in diesen Tagen oft ein Ort, an dem Menschen zusammenkamen, um sich nicht vom Fleck zu rühren. Da waren dann die Landschaften von Nuri Bilge Ceylans „Winter Sleep“ in Kappadokien oder die Küste einer Insel in Japan während der Taifunsaison bei Naomi Kawase schon das Fremdeste, das wir zu sehen bekamen. Kurz vor Schluss führte uns der Russe Andrei Zviaguintsev mit seinem „Leviathan“ immerhin noch nach Nordrussland an die Barentssee, wo die Wellen aufgeputscht von arktischen Strömungen gegen die Kliffs donnern, drumherum eine leere Ödnis und in ihr wiederum ein Drama von biblischen Ausmaßen inmitten weltlicher Korruptheit, Trunksucht und Verzweiflung.

          Ein schriller, bunter Film mit überraschenden Wendungen: Zum Abschluss der Filmverstellungen überzeugt „Mommy“ von Xabier Dolan, im Bild Darsteller Antoine-Olivier Pilon.

          Alles Filme, die im Wettbewerb ihren Platz hatten und, sollten sie etwas gewinnen, würdige Preisträger wären. Und doch. Etwas fehlte. Ken Loach war nicht der Einzige, der mitbrachte, was von ihm zu erwarten war. Auch von Godard, von Mike Leigh, von David Cronenberg, Atom Egoyan oder Bennett Miller kam nichts verblüffend Neues – es gab schon jeden Tag zum Teil großartige oder mindestens schöne Filme mit ein oder zwei Macken zu sehen. Godard mit seinem Homemovie in 3D war eine kuriose, auch erfrischende Erfahrung neben einer gewissen Abgeklärtheit dem ganzen Konzept gegenüber, die auch ihre Berechtigung hat.

          Aber für nichts von alledem musste man mal die Luft anhalten. Erst bei einem Film wie „Mommy“ schließlich, den der Jüngste im Wettbewerb, der Kanadier Xavier Dolan, gedreht hat, war dann schon das erste Bild ein Glück. Da dreht einer in einem Seitenverhältnis von 1:1. Einfach so. Und erzählt dann von einer grellen Mutter, die mit ihrem hyperaktiv gestörten Sohn klarzukommen versucht, ohne ihr eigenes Leben aufzugeben. Ein schriller, lauter, teilweise hysterischer, bunter Film mit Figuren, bei denen nicht jede Reaktion vorhersehbar ist, mit Beziehungskonstellationen, die verblüffen, mit Emotionen jenseits des Gewöhnlichen und jeder Menge Einfälle, wie leere Tage zu füllen seien: endlich mal was anderes.

          Darin muss ja nicht gleich die Zukunft des Kinos liegen. Aber es ist nicht so, als stehe es nicht unter Beschuss. Das Theater um den Strauss-Kahn-Film „Welcome to New York“, der gar nicht mehr ins Kino kommt und sehr erfolgreich nur als Video-on-Demand unter die Leute gebracht wurde – wenn auch unter Ausnutzung der Medienmacht, die sich in Cannes versammelt hatte –, hat das für alle, die es immer noch nicht glauben wollen, noch mal sehr deutlich hervorgehoben. Aber es stellte sich der Eindruck ein, das Festival drehe dem Problem einfach den Rücken zu und mache weiter wie schon immer.

          Tarantino kommt zum Abschluss

          Und da gab es eben immer bessere Jahre, in denen Filme, die heute in der Klassikerreihe laufen, gewannen, und andere, weniger gute. Was natürlich nicht nur am Festival, sondern auch immer daran liegt, welche Filme gerade fertig sind. Ein Festival kann das Kino nicht neu erfinden. Aber es muss schon Sorge tragen, dass es nicht vor der Zeit nur noch eine jährliche Party mit ökonomischem Beiprogramm wird, die vor allem betagte Männer, die sich gut kennen, miteinander feiern.

          Quentin Tarantino ist einer der Regisseure, die in Cannes entdeckt wurden. Erst kam er mit „Reservoir Dogs“ in die Nebenreihe Un certain regard, dann gewann er mit „Pulp Fiction“ 1994 die Goldene Palme, und in den folgenden Jahren brachte er regelmäßig seine Filme in dieses Festival. Jetzt ist er wieder hier, um heute nach der Preisverleihung den Abschlussfilm zu präsentieren: „Für eine Handvoll Dollar“ im Rahmen einer Hommage an Sergio Leone und die Geburt des Spaghetti-Westerns vor fünfzig Jahren. Das wird sicher ein lustiger Abend zum Abschluss dieses Jahrgangs der Rückschau und Traditionspflege mit ein paar jüngeren Gästen.

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