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Filmfestival von Cannes : Blutig ist’s in jedem Fall

„Und wenn er am Boden liegt, erzählst du ihm Witze!“ - Steve Carell (links) gibt Channing Tatum in „Foxcatcher“ gute Ratschläge. Bild: Festival

Züchtung und Gewalt, die Ideale des Bösen: In Filmen von Bennett Miller und Kornél Mundruczó hält das pure Grauen Einzug in Cannes. „Map of the Stars“, der neue Cronenberg, enttäuscht hingegen.

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          Von Anfang an waren Grausamkeiten an der Tagesordnung, seelische vor allem, Kindesmissbrauch stand hoch im Kurs, Inzest, solche Dinge, in Filmen, die nicht berichtenswert sind, auch die gibt es in Cannes. Jetzt aber wurde es richtig blutig. Und erst damit fiel auf, dass wir bisher keine eingeschlagenen Schädeldecken, keine auslaufenden Körper, keinen Horror gesehen hatten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nach ein paar Tagen nun war die Schonfrist vorbei. Und damit hatten auch Hunde etwas zu tun. Nicht nur, dass einer erschossen dalag, ein weißer zotteliger Hütehund in David Cronenbergs „Map of the Stars“. Die Hunde wurden auch selbst zu einer Horde rachsüchtiger Kreaturen, und zwar in „Fehér Isten“ (Weißer Gott) des Ungarn Kornél Mundruczó in der Reihe „Un certain regard“. Er hätte auch im Wettbewerb eine gute Figur gemacht. Aber Genre ist im Wettbewerb traditionell schwierig zu plazieren. Es sei denn, der Regisseur heißt Cronenberg.

          Wenn der beste Freund des Menschen rebelliert

          Mundruczó ist ein furchtloser Regisseur. 250 Hunde hat er trainieren lassen, damit sie in seinem Film die Menschen das Fürchten lehren. Die Metaphorik ist deutlich, aber nicht penetrant - alle gemischtrassigen Hunde werden von Gesetz wegen eingesammelt und getötet. Es entwickelt sich ein Schwarzmarkt für Tiere, die für illegale Hundekämpfe für Abonnenten im Netz abgerichtet werden. Auch der Hund der dreizehnjährigen Lili, die bei ihrem ungeliebten und harten Vater abgestellt worden ist, verschwindet, weil eine Nachbarin ihn denunziert. Und wird zum Killerhund, erstens. Und zweitens zum Anführer der Horde der 250. Sie versetzt uns in Schrecken wie sonst die Massen von Zombies, die auf uns zuwanken, wenn es dunkel wird. Genau so hat Mundruczó das auch inszeniert, und genau wie sonst die Zombies gehen die Hunde den Menschen ans Fleisch und reißen Stücke aus ihnen heraus und lassen sie in sehr viel Blut dann liegen.

          Die australische Schauspielerin Mia Wasikowska kniet in Cronenbergs Hollywood-Satire auf dem Walk of Fame.

          Warum das ein guter Film sein soll? Weil die Geschichte tatsächlich den Hund Hagen zum Zentrum macht und jeden Menschen, dem er begegnet, in Beziehung zu ihm plaziert - wie er im Weg steht oder ihm hilft, ihn bekämpft, ihn ausbeutet, ihn verlässt, sich auf ihn einlässt. Das ist ein Perspektivwechsel, der mit unheimlicher Dynamik einhergeht und eher eine Haltung ist als etwa ein Kamerastandpunkt. Wir schauen auf uns selbst in unserem instrumentellen, grausamen Verhältnis zu diesen Tieren. Und dann bricht eine Art Revolution der Hunde aus, und der Horror nimmt seinen Lauf.

          Bei Cronenberg mischt sich der Horror mit Satire, einer Hollywood-Satire, wie der Titel schon sagt, aber trotz eingeschlagener Köpfe, Feuermorde und einer Strangulation im Pissoir stellt sich nicht wirklich Schrecken ein. Vielleicht kennen wir das Material zu gut - Hollywood steckt in seinem Ruhmeswahn voller zerstörter Seelen und schamanischer Heiler mit dem persönlichen Touch -, vielleicht ist es aber auch zu abgestanden und so einfach nicht mehr wahr. Jedenfalls schade, dass Julianne Moore, die hier wieder einmal sich die Reste einer Seele aus dem Leib spielt, nicht endlich mal einen guten Film bekommt. Wobei die Frage, was das eigentlich sei, gerade bei Filmfestivals immer ganz widersprüchlich beantwortet wird.

          Beginnt die Award-Season in Cannes?

          Bennett Millers Wettbewerbsfilm „Foxcatcher“ etwa gilt vielen als herausragender Film. Weil er anhand einer schrecklichen Geschichte in der amerikanischen Ringerszene in den achtziger Jahren uns einiges erzähle von Aufstieg und Fall im Sport, was sowohl die Leistung als die Hoffnung betrifft, weil die Darsteller - Channing Tatum, Mark Ruffalo, Steve Carell, wahrscheinlich alle bereits auf Oscar-Kurs - über sich hinauswüchsen und phantastische, physisch glaubwürdige, psychologisch komplexe Rollenstudien ablieferten, weil die ärmliche Schäbigkeit einer amerikanischen Gemeinde, in der die Brüder Dave und Mark Schultz gelandet sind, die beide beim Ringen olympisches Gold gewonnen hatten, genau getroffen sei, wie auch die protzigen Gefilde, in denen der Milliardär du Pont lebt, der sich das Ringerteam kauft und für die nächsten Olympischen Spiele trainieren lässt.

          „Der will nur spielen!“ Hund Hagen, weniger blutrünstig als im Film mit Regisseur Kornel Mundruczo (rechts)

          Man kann das so sehen und sagen: Wenn diese Bestandteile alle da sind, was soll das sonst sein als ein guter Film? In diesem Fall aber muss man sagen: Wenn man nicht Amerikaner ist, Ringen weniger spannend findet als Nähen zum Beispiel (von dem „Saint Laurent“ gern noch mehr hätte zeigen können) und man die Geschichte, auch wenn sie in dieser speziellen Ausprägung wahr ist, schon oft gesehen hat, ist das alles sehr langweilig. „Capote“ und „Moneyball“, die anderen Filme von Miller, ebenfalls angelehnt an tatsächliche Ereignisse, wie wir wissen, waren weniger glatt, weniger teuer vermutlich auch, mit ab und zu einer Kante im Konzept. „Foxcatcher“ ist ein Film für die Awards-Season. Die beginnt aber nicht in Cannes. Oder doch?

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