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Filmfestival in Cannes : Frauen, die auf Chancen schauen

Im islamischen Leben richtet man sich gemeinsam ein, nicht alles geschieht nach strengem Gesetz: „Timbuktu“, von Abderrahmane Sissako Bild: picture alliance / dpa

Der Wettbewerb in Cannes ist angelaufen – mit Filmen, die den Blick in die schroffe Gegenwart reißen und für ihre Figuren kraftvoll Partei ergreifen. Ein erster Überblick.

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          Wird dies ein gutes Jahr? Das ist die Frage, die schon am dritten Tag überall gestellt wird, und die Antwort, wenn es nicht bei „mal seh’n“ bleiben soll, lautet: gut möglich. Die bisherigen Filme sorgten für einen starken Auftakt – vielfältig, wie es sein soll, in Stimmung, Themen, Stilen. Und auch Erwartungen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Timbuktu“ ist der einzige Film vom afrikanischen Kontinent im Wettbewerbsprogramm, und er katapultierte die Zuschauer, sollten sie sich mit „Grace“ auf die frühen Sechziger eingeschunkelt haben, mit Macht in die Gegenwart. Abderrahmane Sissako aus Mauretanien ist der Regisseur; er war schon oft in Cannes, mit Filmen und als Juror, aber noch nie im Wettbewerb, bis jetzt.

          Mit überraschender Wucht: politisch, ästhetisch

          In „Timbuktu“ sehen wir Bilder und hören Töne, die sofort klarmachen: hier ist es einem ernst mit seinem Thema, seinen Mitteln, dem Kino. Sissako will, dass wir hinschauen und etwas verstehen von der grausamen Geschichte, die sich so oder so ähnlich tatsächlich in der ehemaligen französischen Kolonie Mali, wo der Regisseur aufgewachsen ist, zugetragen hat, eine Geschichte, in der gesteinigt und geschossen und vernichtet wird. Und gespielt und geliebt und Acht gegeben. Statisch in den Debatten, von ungeheurem Bewegungsdrang in den Szenen, in denen sich das Leben behauptet, ist das pures Kino

          Alles Leben ist von den Straßen verschwunden. Die Frauen müssen sich verschleiern und Handschuhe tragen, Musik ist verboten, Tanz, Rauchen, Alkohol sowieso, auch Fußballspielen – was eine zauberhafte Pantomime unterläuft –, die islamistischen Gotteskrieger haben die Macht übernommen und patrouillieren auf den Dächern, in den Straßen und fahren mit ihren Jeeps durch die Wüste, um zu schauen, ob auch in den abgelegenen Zelten alles still bleibt. Bewaffnet latschten sie in die Moschee. Die Menschen sind fromm und gottergeben, auch ohne die Krieger. Ein Unglück geschieht. Ein zweites folgt.

          In Timbuktu sehen wir Menschen beim Leben zu.

          Verurteilt wird nach islamischem Recht, grausam, gnadenlos. Aber das ist nicht der ganze Film. Wir haben es nicht mit Stereotypen zu tun, es wird lange gesprochen, diskutiert, und zwischendurch sehen wir den Menschen beim Leben zu, wie sie in der Hitze unter Zeltplanen in den Dünen Tee trinken und gar nichts tun, wie ein Junge die Kühe zusammentreibt, ein Mädchen mit seinem Vater spielt, wie trotz allem irgendwo eine Frau singt und ein paar junge Männer Musik dazu machen, eine Schamanin ihre Zauber spricht – wir sehen, wie sich Leben gegen alle Willkür ereignet und wie es dann gewaltsam endet. „Timbuktu“ hat viele überrascht, mit seiner politischen, mehr noch seiner ästhetischen Wucht. Sie hatten gedacht, der Afrikaner im Programm ist das Feigenblatt vor der Blöße des Festivals: der beherrschenden Zahl so vieler alter weißer Westler im Programm. Und statt eines Feigenblatts dann dieser Film!

          Nicht Schleife, sondern Offenheit

          Einer der alten Weißen ist der Engländer Mike Leigh. Er kam mit „Mr.Turner“, einem von ihm lange verfolgten Traum von einem Film über den großen Maler und Exzentriker J.M.W. Turner. Alle, die darin mitspielen, sind in ihren Rollen hässlich, zum Teil sehr hässlich. Alle sprechen undeutlich, so dass selbst englische Muttersprachler Hilfe bei den französischen Untertiteln suchten. Die Irritation ist natürlich gewollt und setzt sich darin fort, wie Mr.Turner vor allem grunzt, wenn wir vollständige Sätze von ihm erwarten. Was ist das für ein seltsamer Mensch, der hier in den wunderbar diesigen Sonnenlichtern auf und ab spaziert, manchmal im Gegenlicht als Schattenriss einfach nur in der Landschaft plaziert, die er fraglos gerade in seinem Skizzenbuch festhält? Am Anfang fragt man sich, ob ein Film über Turner aussehen muss wie die Bilder, die wir von ihm kennen. Am Ende hat es eine Zwangsläufigkeit, weil wir aufs Meer, auf die Landschaften und die Windmühlen schauen und sehen, was Turner damals gesehen hat. Licht eben vor allem.

          Verschroben, und nicht immer leicht zu verstehen. Timothy Spall als J.M.W. Turner.

          Wir wissen auch am Schluss nicht, was für ein Mensch William Turner war. Aber Leigh hat uns einen Menschen in seiner Epoche gezeigt (Turner lebte von 1775 bis 1851), die uns in manchem ganz nah ist: beim enervierenden Smalltalk zum Beispiel, den Eifersüchteleien in der Kunstakademie. Und in vielem fern wie die Steinzeit, etwa im ungelenken Verhältnis dieser Menschen zu ihren Körpern, ihrer Sexualität, ihrem unsentimentalen Umgang mit Krankheit und Tod. Offenbar hatten alle Bronchitis in jener Zeit (was sich ansteckend auf die Zuschauer auswirkte, die plötzlich auch verstärkt zu husten begannen und gar nicht wieder aufhören konnten, bis Mr.Turner den letzten rasselnden Atemzug getan hatte), und wenn sie nicht husteten, hatte sie eine schlechte Haut. Leigh zeigt uns das sehr genau, er will uns nahe heranholen an seine Geschichte und gleichzeitig die Distanz zu jener Epoche spürbar machen. Es ist ein faszinierend kunstvoller, aber auch ein merkwürdiger Film in dieser Verbindung von äußerster Schönheit bei größter Hässlichkeit.

          Mädchengang: Die Darstellerinnen von „Bande de Filles“ am Strand von Cannes.

          Auch die anderen Sektionen sind inzwischen angelaufen. Dort gehörten die Eröffnungen den Frauen: Regisseurinnen und ihren Darstellerinnen, die im Zentrum standen. „Bandes de filles“ von Céline Sciamma in der „Quinzaine des réalisateurs“ erzählt aus der Pariser Banlieue von einem schwarzen Mädchen – mit nachgerade Starpower gespielt von Karikja Toure in ihrem ersten Film – auf der Suche nach einem Leben, ausprobierend, was im Angebot ist: die Schule, hoffnungslos. Eine Mädchengang: ein Entwicklungsschritt. Die Drogengang: ein weiterer. Das Ende: offen. Céline Sciamma ist bei alldem uneingeschränkt auf der Seite ihrer Protagonistin, was manchmal ein gewisses Unbehagen auslöst, als sollten wir einer Banlieue-Romantik applaudieren, aus der sich kein gutes Leben für dieses Mädchen, das Vic genannt wird (für „victory“), ergeben wird. Aber gleichzeitig erliegen wir der Kraft dieser zentralen Figur und der dynamischen Brillanz dieser Regisseurin. Wo finden wir unseren Platz? Das ist die Frage für diese schwarzen Frauen, und die Antwort kann nicht eindeutig sein.

          „Party Girl“- ein Film über eine alternde Prostituierte (recht hinten), gespielt von Angelique Litzenburger.

          „Un certain regard“ hatte „Party Girl“ von Marie Amachoukeli, Claire Burger und Samuel Theis als Eröffnungsfilm gewählt, auch dies eine Geschichte, die gespielt wird von denen, die sie leben. Im Zentrum Angelique, eine Prostituierte von etwa sechzig Jahren, verlebt, aber mit dem Traum einer Vierzehnjährigen von einer Liebesheirat.

          Angelique Litzenburger spielt diese Angelique, und auch hier, obgleich ästhetisch ohne Ambition, überspielt die Hauptfigur mit ihrem verwitterten Gesicht, dem billigen Schmuck und sonstigen branchenüblichen Accessoires die erzählerischen und filmischen Mängel – indem sie sich die Freiheit nimmt, Angebote auszuschlagen, obwohl nicht mehr viele andere kommen werden. Glückliche Enden, das zeigen alle diese Filme, sind nicht die, in denen Erzählfäden sorgfältig zu einer Schleife gebunden werden, sondern vor allem solche, die viele Möglichkeiten offenlassen.

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