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Godard und Hazanavicius in Cannes : Da wird doch der Hund in 3D vernünftig

Wozu sind Filme da? Um den Krieg anzuprangern, behauptet „The Search“ Bild: Festival de Cannes

Der eine hat mit seinem letzten Film die Goldene Palme und den Oscar gewonnen, der andere ist der amtierende Gott des Kinos. Michel Hazanavicius zeigt in Cannes widerliche Propaganda, Jean-Luc Godard verabschiedet sich von der Sprache.

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          In Cannes laufen in der Regel keine Propagandafilme. „The Search“ von Michel Hazanavicius im Wettbewerb des Festivals ist deshalb eine Zumutung. Eine zweieinhalbstündige Zumutung, von der die erste Stunde noch dem Staunen galt darüber, mit welch primitiven Mitteln wir hier in eine Geschichte gezogen werden, an deren Ende ganz allgemein gesagt werden muss: Die Russen sind Tiere. Alle Russen, immer.

          Regisseur Michel Hazanavicius (M.) mit seinen Darstellern und seinem Produzenten
          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht nur im Tschetschenien-Krieg, um den es hier ging. Für wie dämlich hält Hazanavicius sein Publikum? „The Search“ ist der erste Film, den der Gewinner der Goldenen Palme vor drei Jahren mit anschließender Erfolgstour bis zu den Oscars seit „The Artist“ gedreht hat. Er fährt alles auf, was uns gegen die Russen aufbringen kann, etwa verlorene Kinder, deren Eltern vor ihren Augen erschossen wurden; ein Kind vor allem, einen herzzerreißend verstockten und dann in der liebenswürdigen Obhut einer EU-Kommissarin auftauenden Neunjährigen, sollen wir ins Herz schließen - und tun das auch für eine Weile wider besseres Wissen darüber, dass dieses stumme Kind nur ein durchsichtiger Rattenfängertrick ist. Welch ein Segen, dass der Junge am glücklichen Ende doch noch seine Schwester wiederfindet! Noch eine ganze Reihe anderer mäßig verdreckter großäugiger Kleiner taucht auf, dazu verzweifelte Mütter, ignorante Bürokraten, Leichenberge, tote Tiere, grölende Soldaten. Wir haben auch gesehen, wie ein junger Russe, frisch zur Armee rekrutiert, dort zum Killer herangezogen wird, der am Ende mit seinen ersten Morden prahlt: Er hat einen alten Tschetschenen und dessen Enkel erschossen und lacht sich mit seinen Kameraden darüber halb tot.

          In kleineren Zusammenhängen unerprobt

          Es war zum Heulen. Eigentlich hätten die versammelten Journalisten geschlossen gehen sollen. Aber wir blieben sitzen. Am Ende gab es Buhrufe, aber nicht so viele wie bei „Grace“, nun ja. Und zwischendurch pfiff einer immer wieder laut. Mehr Protest war nicht, und am Abend in der Galavorstellung soll das Publikum sehr begeistert gewesen sein.

          In ihrer Mitte fehlt Godard: Kamel Abdelli, Heloise Godet, Zoe Bruneau, Richard Chevallier und Jessica Erickson in Cannes

          Dann kam Godard. Das heißt, er kam nicht. Nur sein Film und seine Schauspieler waren anwesend und liefen zur Musik von „Histoire(s) du cinéma“ in den Palast ein. Ohne Godard war das Interesse der Fotografen überschaubar. Alle fragten sich: Was würde Godard mit 3D anfangen, dieser merkwürdigen Technik, die in Animation und Superheldenepen manchmal funktioniert, in Dokumentationen auch, in kleineren Zusammenhängen aber noch nicht so erprobt ist?

          Und dass Godards „Adieu au langage“ zwar große Rundum-Gedanken enthalten, vom Filmischen aus aber eher zu den kleineren Werken zählen würde, soviel war doch klar.

          Das bewährte, das bekannte Godard-Prinzip

          „Wer keine Phantasie hat, flieht in die Realität.“ Das ist der erste Spruch, den wir geschrieben sehen, dazu den Filmtitel in Rot mitten im Raum. Unsere Brillen sind auch rot, was eine hübsche Idee war, passend zum Teppich und ebendiesen Buchstaben. Es folgen zweimal hintereinander Kapitel mit den Überschriften

          Szene aus „Adieu Au Langage“

          „1 Nature“ und „2 Metaphore“. Das ist die Struktur. Und dazwischen in gewohnter Collagenmanier alles mögliche Bildungsgut musikalischer, literarischer, philosophischer und sonstiger Art, und viele, sehr viele Beobachtungen seines Hundes. Am Seeufer. In Blumenmeeren. Auf dem Sofa. Groß im Raum stehend, wie gesagt in 3D, dazu der Rilke-Satz, in den Blicken der Tiere würden wir die Welt erkennen.

          Darstellerin Heloise Godet auf dem Weg zur Premiere

          Es ist das bewährte, das bekannte Godard-Prinzip, das mit seiner Vielzahl von hochkomplexen Bezügen, von Schnapsideen oder privaten Obsessionen unsere Aufmerksamkeit einerseits fesselt, uns andererseits aber in den Raum unserer eigenen Imagination entlässt. Insofern ist die Frage, ob alles verstanden wurde, ganz verfehlt. Nach den Stunden in den Klauen von Michel Hazanavicius spürten wir: Wir sind frei. Obwohl Godard auch sagt, wir sind Sklaven unserer Mobiltelefone. Aber er sagt ja auch „Adieu au langage“ und hört dann nicht mehr auf zu reden.

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