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Erste Filme in Cannes : Kinder klauen Kleider, werden Leute, wachen auf

Womit die Stars so herumrasen, was sie um den Hals, am Arm und an den Füßen tragen – das alles wollen diese Mädchen haben: Szene aus „The Bling Ring“. Bild: Tobis

Amat Escalante, François Ozon und Sofia Coppola: Dreimal wird zu Beginn des Filmfestivals das Erwachsenwerden thematisiert. Auf sehr unterschiedliche Weise nähern die Regisseure sich dem Sujet.

          Ein Stiefel im blutigen Gesicht eines Mannes auf der Ladefläche eines Pick-up-Trucks: Das war das erste Bild nach all der Glitzerei des Auftakts, das auf der Leinwand des Festivals erschien. Alle, so schien es, rissen die Augen auf, hielten den Atem an und warteten - ob dies ein Irrtum sei und gleich wieder das Showgeschäft übernähme oder ob es jetzt ernst würde.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Bild mit dem Stiefel auf dem blutigen Gesicht gehörte zu „Heli“, dem Wettbewerbsbeitrag des Mexikaners Amat Escalante. Es folgten weitere Bilder, die schwer auszuhalten waren, von Folterungen, von ausdruckslos bedröhnten Blicken aus Kinderaugen auf die Scheußlichkeiten, die ihre Väter veranstalten, und zwischendurch und mit all dem: die Geschichte von Heli, dessen Leben völlig aus den Fugen gerät, weil seine kleine Schwester sich verliebt hat. Wir sind in Mexiko, irgendwo auf dem Land, wo ein amerikanischer Autohersteller eine Fabrik hingestellt hat und die Arbeiter nachgezogen sind. Die Häuser sind vorläufig wie die Straßen, es gibt kein Dorf und wahrscheinlich keinen Bürgermeister, und das einzig Verlässliche sind die Brutalität und Korruptheit der Polizei und der paramilitärischen Eliteeinheiten. „Heli“ war der Realitätsschock, der das Festival aus der Partylaune riss.

          Jung und hübsch

          Aber es dauerte nicht lange, und François Ozon lullte uns wieder ein ins Frankreich, wie wir es lieben und das Kino auch. Sommer. Meer. Schöne Menschen. Ein großes Haus, eine Familie, gemeinsame Abendessen, erster Sex nachts am Strand. Ehrlicherweise heißt der Film „Jeune & Jolie“, und wäre mit dem Sommerende der Film aus, gäbe es nichts weiter zu erzählen. Aber er geht in den Herbst über, den Winter und den Frühling. Ozon benutzt vier Lieder, Songs, Schlager, wie man will, mit denen er die Jahreszeiten voneinander trennt. Und lässt das Familienidyll implodieren.

          Jung und hübsch ist die siebzehnjährige Isabelle. Ozon bleibt ihr auf den Fersen, wie sie sich ein erwachsenes Leben zusammenexperimentiert, aber er rückt ihr nicht so weit auf die Pelle, dass sie eine intimere Bekannte würde. Zurück vom Land in Paris, nimmt sie eine Porno-Identität im Netz an und trifft ältere Männer in Hotels zum Sex. Marine Vacth, die diese Isabelle, die sich „Lea“ nennt, spielt, ist eine geheimnisvolle, verschlossene Schönheit, mit jener gewissen Arroganz, die junge Französinnen oft ausstrahlen, und ihr passt diese Rolle bis in die ungeduldigen Bewegungen hinein, mit denen sie zu Hause den Computerdeckel zufallen lässt, wenn ihr kleiner Bruder, ohne anzuklopfen, in ihr Zimmer kommt.

          Celebrity-Wahn

          Das trifft auch auf das Darstellerensemble aus Sofia Coppolas Film „The Bling Ring“ zu, mit dem die Reihe „Un Certain Regard“ eröffnete. Sind die so? Diese Teenager in Markenklamotten, die in die Häuser von Berühmtheiten aus dem Showgeschäft eindringen, um Rolex-Uhren, Laboutin-Schuhe, Birkin-Bags und anderen Kram zu stehlen, die Autoschlüssel auch noch mitnehmen und mit dem Porsche Cabrio davonbrausen? Opfer waren Paris Hilton, Orlando Bloom und andere, und die Sache ging nicht gut aus. Es ist eine wahre Geschichte. Der Celebrity-Wahn in Los Angeles ist im Kino nicht zum ersten Mal Gegenstand, aber das Delirium, in das er hier übergegangen ist, unterscheidet sich dann doch grundsätzlich von so harmlosen Anekdötchen wie „Notting Hill“ vom Ende des letzten Jahrtausends. Würden einige der Tausende, die hier im Regen halbe Tage warten, um eine berühmte Multimillionärin zu sehen, so weit gehen, in ihr Haus einzubrechen und ein Paar Schuhe zu klauen? Man sieht es den Leuten ja nicht immer an.

          Drei Arten also wurden uns gezeigt, vom Kinderalter ins Leben zu kommen, alle einsam, keine schön. Der Regen hat aufgehört. An der Croisette reiht sich ein Laden an den anderen, und alle bieten an, was die Kids in Sofia Coppolas Film so dringend haben wollen. Es könnte sogar sein, dass Paris Hilton auf einer der nächsten Partys auftaucht. Oder eine, die exakt so aussieht.

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