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Der wichtigste Film von Cannes : Wegsehen unmöglich, Hinsehen unerträglich

Bilder aus einem unbewohnbaren Land: „Syrisches Selbstporträt“ Bild: Festival de Cannes

Der wichtigste Film des Festivals von Cannes lief kurz vor Schluss: Ein „Selbstporträt Syriens“, montiert aus Youtube-Videos und Aufnahmen aus Homs. Danach kamen die Palmen.

          4 Min.

          Am Samstag, ein paar Stunden bevor die Palmen vergeben wurden, lief in einer Spezialvorführung noch einmal der einzige arabische Film des Festivals, „Eau Argentée, Syrie autoportrait“ von Ossama Mohammed und Wiam Simav Bedirxan. Seine Premiere ein paar Tage zuvor überlappte mit irgend etwas anderem Wichtigen, so dass ich, wie so viele andere auch, verpasst hatte, wie sich die beiden Filmemacher, er aus dem Exil in Paris angereist, sie auf wundersame Weise aus Homs herausgekommen, zum ersten Mal begegneten. Es wurde kein großes Aufhebens darum gemacht. Dabei ist dieser Film der einzige Film in diesem Festival, der wirklich zählt.

          Verena Lueken
          (lue.), Freie Autorin

          Zählt im Sinn von: uns Bilder zu zeigen, die wir gesehen haben müssen. Bilder, die inmitten all des konsensfähig Kunstfertigen, das uns dieser Tage überschwemmt hat, eine Wahrheit zu uns bringen, die nur auf diesem Weg vor unsere Augen kommt: 1001 Bilder, gedreht mit Mobiltelefonen und kleinen Kameras. 1001 Bilder aus Syrien, einem Land im Zustand der Apokalypse, aus dem die Berichterstatter internationaler Medien längst verschwunden sind, weil es viel zu gefährlich geworden ist. Aber wie oft haben wir in den Nachrichtensendungen des Fernsehens die Sätze gehört: „Wir können Ihnen keine Bilder zeigen, weil sie zu grausam sind“, oder: „Wir wissen nicht, wie diese Bilder entstanden sind, und wer sie gemacht hat, deshalb zeigen wir sie nicht“ - Sätze, die sich in einer Wirklichkeit auf journalistische Standards berufen, in der diese jeden Sinn verloren haben. Sätze, die das Weggucken begründen und das Vergessen legitimieren.

          Um Zeugnis abzulegen

          Wer „Eau Argentée“ gesehen hat, wird diese Bilder nie mehr los. Verschwommen, verwackelt, oft in geringer Auflösung sehen wir, was wir so noch nie gesehen haben: Sterbende vor allem und Tote, die gerade erst ihren letzten Atemzug getan haben. Folterungen, Erschießungen, Demonstrationen und Beerdigungszüge, Verletzte, heute lebendige Kinder, morgen ihre Leichen. Genau die Bilder, die uns das Fernsehen nicht zeigt, um uns nicht den Abend zu verderben. Gedreht haben sie die Menschen, die noch in Syrien sind: die Täter und die Opfer. „Youtubers film and then die“, sagt der Regisseur dazu. Die Szenen von Folterungen und Erschießungen können nur von Angehörigen entweder der syrischen Armee oder der Nationalgarde gedreht worden sein. Warum diese sie dann ins Netz gestellt und über soziale Netzwerke verteilt haben, ist schwer zu sagen - weil der, der gefilmt hat, dabei ist, die Seiten zu wechseln? Weil er stolz ist, sich brüsten will?

          Dies ist ein Dokumentarfilm, der als großer Trauergesang mit den Mitteln des Kinos gestaltet wurde. Montiert in einem dramaturgischen Bogen, der dem des Geschehens folgt, also vom Anfang der Rebellion gegen Assad bis zur Besetzung von Homs, von einem Augenblick der Hoffnung auf Freiheit in die überwältigende Zerstörung. Es sind Aufnahmen, die Menschen, die zuvor noch nie gefilmt hatten, auf Youtube gepostet haben, um Zeugnis abzulegen, verbunden mit Filmmaterial, das die Grundschullehrerin Wiam Simav Bedirxan im besetzten Homs aufgenommen hat. Sie hatte Ossama Mohammed (er ist in Syrien ein ausgewiesener und einigermaßen bekannter Regisseur) online um Rat gebeten, wie sie filmen soll, indem sie fragte: „Was würdest du filmen?“ Mohammed lebt seit 2011 in Paris im Exil, er sagt, in Syrien sei er in Gefahr und er wollte auch, dass er in Syrien in Gefahr sei - weil er sich im Exil als Feigling fühlt: „Ich werde zurückkehren. Morgen. Aber Morgen kaufte ich eine Mikrowelle.“

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