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Filmfestival von Cannes : Bitte die Haarfarbe von Johnny Hallyday!

Galt als Favorit für die Goldene Palme: Das Drehbuch für „Winter Sleep“ schrieb Bilge Ceylan gemeinsam mit seiner Frau. Bild: dpa

Warum Bilge Ceylan, der Regisseur von „Winter Sleep“, in Cannes wie ein Woody Allen in Bestform wirkt, warum man den Film „Saint Laurent“ sehen muss - und warum Tommy Lee Jones unbedingt einen Western drehen wollte.

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          Pillen, Drogen, Zigaretten, Alkohol, bei all dem muss die Dosis erhöht werden, wenn der Kick noch zu spüren sein soll. Wie ist das beim Kino? Brauchen wir da auch immer höhere Dosen, und wenn ja, von was genau - Emotion? Sex und Gewalt? Cheap Thrills? Oder das Gegenteil? Mehr von Weniger, Kühle zum Gefrierpunkt, Reduktion aufs Skelett von Erzählung, Entrümpelung der Bilder, Schweigen, gar keine Musik?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Filme in diesem Jahr geben ganz unterschiedliche Antworten auf diese Fragen. Jessica Hausners Film über die Entwicklungen, die zur Einwilligung von Henriette Vogel in den gemeinsamen Selbstmord mit Heinrich von Kleist führen, setzt auf Reduktion und Entrümpelung, vertraut aber der Musik, der Hausmusik sogar („Amour Fou“ im Certain regard).

          Nuri Bilge Ceylan sagt erst mal: mehr - und gibt seinem Film „Winter Sleep“ (im Wettbewerb) drei Stunden und sechzehn Minuten, um sich zu entfalten, ist in seinen Mitteln dann aber ganz klassisch und inszeniert mit großer Ruhe ohne jeden Heckmeck. Nur manchmal gibt er der Kamera und den Personen Auslauf in einem klug kalkulierten Rhythmus von innen und außen, Auslauf in die außerweltlich wunderbare Landschaft von Kappadokien, durch die Herden von Wildpferden jagen. Und dem Zuschauer gibt er in den vollgestopften Räumen immer etwas zu entdecken (unter anderem auch: dass dies eine teure Produktion war), während sich die Figuren ausdauernd unterhalten in vier langen statischen Gesprächsszenen, die dem Film sein Gerüst geben.

          Saint Laurent bleibt rätselhaft

          Manchmal wirkt es, als laufe Bilge Ceylan, der mit seiner Frau auch das Drehbuch geschrieben hat, über vor Begeisterung über den eigenen Einfallsreichtum beim Erfinden der Dialoge, in denen sich aus scheinbar banalen Fragen immer bösartigere Wortduelle entwickeln, obwohl selten nur einer die Stimme erhebt. Tschechow ist der Einfluss, den er nennt, der Name Shakespeare fällt, es könnte aber auch Woody Allen in Bestform sein. Das heißt, „Winter Sleep“ ist teilweise sehr komisch. Gleichzeitig ist der Film - da die Hauptfigur ein Autor und Schriftsteller von einiger Grandezza der Selbstwahrnehmung ist - auch ein ironisches Porträt des Künstlers, der die Welt nicht wahrnimmt, der die unangenehmen Aufgaben anderen überlässt, sich gefällt in der Pose des Patriarchen, aber weder seine Rolle als Grundbesitzer in diesem abgelegenen Flecken der Türkei begreift, noch die Frustration seiner Frau und seiner Schwester. „Winter Sleep“ galt schon vor seiner Premiere als heißer Titel, jetzt wird er als Favorit für die Goldene Palme gehandelt. Andere Palmen, den Großen Jurypreis zum Beispiel und die Palme für die beste Regie, hat Bilge Ceylan schon in früheren Jahren gewonnen.

          Prunkvoll ausgestattet: Gaspard Ulliel spielt die Titelrolle in „Saint Laurent“.

          Unbedingt mehr! Das sagt zur Frage der Dosis von Kicks auch Bertrand Bonello in „Saint Laurent“, dem zweiten Film über den Modemacher in diesem Jahr (der erste lief im Panorama der Berlinale und war nicht der Rede wert). Ihm gehörte der begehrte Termin im Wettbewerb am Samstagabend, aber mehr Glamour war nicht die Lösung. Mehr ist mehr, war zwar das Motto des Films von Bonello für zweieinhalb Stunden, die sich auf die Jahre 1967 bis 1976 konzentrierten, uns mitnahmen zu Pariser Klappen und cruising places, in aufgeheizte Jetset-Clubs, eine herrliche Villa in Marrakesch und die Räume der Firma, die in diesem Jahrzehnt wächst und wächst. Gaspard Ulliel ist schön und elegant genug für die Rolle, aber so geheimnisvoll, dass sich die Person gar nicht erschließt, die er spielt. Und die Rätselhaftigkeit von Yves Saint Laurent ist doch - neben den Kleidern - der Grund, immer wieder Filme über ihn zu drehen. Ihn dann als Rätsel in aller Eleganz und Überfluss vorzuführen, ist zu wenig.

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