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Cannes : Der Mann, der auf Adolf Eichmann hinabsah

Als der Genuss einer Zigarette in der Musikbranche noch wichtiger war als das Geld auf dem Konto: Oscar Isaac als Llewyn Davis im neuen Film der Coen-Brüder Bild: CapFSD/face to face

Ein Höhepunkt in Cannes ist Claude Lanzmanns Film über Benjamin Murmelstein. Der Film über das Leben des Holocaust-Überlebenden läuft ganz bewusst außerhalb des Wettbewerbs. Fast vierzig Jahre liegen zwischen Idee und Realisierung.

          Nicole Kidman hat erzählt, sie ginge auf kaum eine Party mehr, weil Jurypräsident Steven Spielberg ständig mit der Jury sprechen wolle, von sieben Uhr früh bis spät in die Nacht, und dazwischen die vielen Filme keine Zeit ließen, sich anderweitig zu amüsieren. Es geht ihr damit so wie vielen anderen hier, die Filme gucken wollen und müssen und deshalb nicht nur die Partys, sondern auch die Sonne verpassen, die sich am Sonntag erstmals blicken ließ.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber es lohnt sich. Sie haben uns bisher nicht enttäuscht, die Filmemacher, die das offizielle Programm auf dem Papier so vielversprechend aussehen ließen. Ärgerliches gab es nicht bisher, der große Auszug aus den Kinos fand auch (noch) nicht statt, ein paar Langweiler waren zwar dabei, aber die ersten Favoriten gibt es auch schon. Gemeinsam mit Jia Zhangke (F.A.Z. vom 18. Mai) kann Asghar Farhadi mit seinem ersten Film, der außerhalb Irans spielt („Passé“), nämlich am Rand von Paris, als einer der frühen Palmen-Anwärter gelten.

          Seine Geschichte erzählt von einem Mann (Ali Mosaffa), der nach Paris zurückkehrt, um sich nach jahrelanger Trennung scheiden zu lassen, und der im Haushalt seiner Frau mit einer komplexen und bis zum Schluss nicht ganz durchschaubaren Verwirrung von Gefühlen, Schuld und Verstrickung konfrontiert wird.

          Das ist mit einer solchen Delikatesse und Selbstverständlichkeit geschrieben und inszeniert, dass man dabei zuzuschauen schien, wie die Wahrheit der Beziehungen sich auf der Leinwand entfaltet. Wie in die Wiedersehensfreude nach kurzen Minuten bereits die alten Verletzungen kriechen, wie ein gut gekochtes Essen und die Reparatur eines kaputten Abflussrohrs plötzlich vergangene Attraktion aus der Erinnerung hervorholt, die sofort mit Ärger und Biestigkeit abgewehrt wird, wie die Kinder als Seismographen wirken und bis zum Schluss eigentlich alles offenbleibt - das ist schon sehr kunstvoll gemacht und widerspricht allen Regeln des Mainstreamkinos, in dem am Ende doch alle Fäden zusammengeführt sein sollten.

          Hier bleibt das Ende offen, aber dazwischen haben wir dem Leben ein bisschen zugesehen. Gespielt haben das Bérénice Bejo, die Hauptdarstellerin aus „The Artist“, die im letzten Jahr durch die Eröffnungszeremonie führte, und Tahar Rahim, der hier in „Un prophète“ seine Karriere begann. Cannes ist eben auch immer ein Familientreffen.

          „Wir waren dabei“

          Zur Familie gehört auch der Japaner Kore-eda Hirokazu, der schon viele Male hier war und ganz milde geworden ist. Jedenfalls schaut er nicht mehr so genau hin wie Farhadi, wenn es darum geht, die Dynamiken innerhalb von Familien zu beobachten - selbst wenn es, wie in seinem Wettbewerbsfilm „Like Father, Like Son“ um zwei von einer frustrierten Krankenschwester vertauschte Söhne geht, die im Alter von sechs Jahren zu ihren leiblichen Eltern zurückwechseln sollen.

          Welche Prüfung, die in allen dann nur das Beste hervorbringt! Die einen sind reich und streng, die anderen arm und lustig, und am Ende, wenn die Reichen etwas lustiger und die Armen etwas strenger geworden sind, kehren die falschen Kinder dahin zurück, wo sie herkamen - ein großer Langweiler, der die meisten Zuschauer allerdings gerührt hat (und viele Kritiker auch).

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