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Filmfestival in Cannes : Gehen Sie als Mensch hinein

Mit virtueller Realität direkt ins Herz der Immigranten – Iñárritus Sechseinhalb-Minuten-Installation in Cannes. Bild: Neil Kellerhouse

Mehr Mitgefühl: Nicht nur eine Reihe von Filmen, auch Alejandro Gonzáles Iñárritu wirbt in Cannes für Empathie. Woran der Oscar-Preisträger scheitert, gelingt Robin Campillo für einen Moment.

          Draußen am Flughafen von Cannes, auf dem kleine Privatflugzeuge und Hubschrauber landen können, sitzen in einem Hangar ein paar junge Menschen und begrüßen jeden Besucher mit Namen und Handschlag. Mehr als drei oder vier Besucher sind nie zur selben Zeit da. Die Ruhe ist greifbar, wunderbar, unerwartet. Unerwartet auch fängt es hinter den Wänden plötzlich an zu rumpeln, als sei ein Hubschrauber direkt dort gelandet, zehn Meter von uns entfernt, die Erde zittert ein bisschen, und die jungen Menschen, die inzwischen Wasser anbieten oder Saft, schauen zwar kurz auf, aber nicht beunruhigt. Sie hören diese Geräusche so oft, wie Besucher kommen. Sie sitzen am Eingang einer Installation.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Carne y Arena“ (Körper und Sand) heißt sie und ist Alejandro Gonzáles Iñárritus Beitrag zum Festival, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Kameramann Emmanuel Lubezki. Sie sind beide mehrfache Oscar-Preisträger, aber dies hier ist kein Film, sondern eine Virtual-Reality-Erfahrung, auf das Wort „Erfahrung“ legen sie Wert. „Gehen Sie nicht als Journalistin hinein“, sagt die freundliche Betreuerin, „sondern als Mensch.“

          Da klopfte das Herz nicht langsamer

          Der Weg führt durch eine Schleuse, in der man die Schuhe ausziehen soll, und in der eine Sammlung von Schuhen und Taschen und Spielzeug in einer Ecke und in einer Vitrine liegt, Dinge von Menschen, die sie bei ihrer Flucht über die Grenze zwischen Mexiko und Nevada verloren haben. Ein Alarm klingelt, das Zeichen, durch eine Tür zu gehen. Dahinter ein großer leerer Raum, Sand auf dem Boden, drei Männer, die mit der Verkabelung helfen. Maske, Kopfhörer, Rucksack mit der Elektronik. „Nicht rennen“, sagen sie noch, und los geht es.

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          Der Sand ist kühl, der Raum dunkel. Wenn die Augen sich an die Düsternis gewöhnt haben, taucht die Landschaft auf. Kakteen, Büsche, Wüste. Daraus schälen sich langsam Gestalten, Männer, Frauen, Kinder, alle tragen etwas, alle laufen vorsichtig, gebückt. Dann der Lärm, der auch draußen zu hören ist. Tatsächlich ein Hubschrauber. Sehr laut. Geschrei, die Menschen fangen an zu rennen, fallen, halten sich die Arme über den Kopf, drücken Kinder an sich. Der Hubschrauber setzt auf, schwerbewaffnete Männer springen heraus. Sie brüllen, drohen, treiben die Flüchtenden zusammen. Die Besucherin mittendrin, nah. Sechs Minuten dauert diese „Erfahrung“, die uns, die wir keine Grenzen unter Lebensgefahr überqueren müssen, vermitteln soll, wie sich die Flüchtenden fühlen. Weg von der Diktatur des Bildrahmens und der Kameraeinstellung, nennt Iñárritu das. Wie kann das funktionieren, wenn es heißt: „Nicht rennen!“? Wo doch das Rennen, das Stolpern, das Fallen, die Erschöpfung, die damit einhergeht, wesentliche Elemente einer Flucht sind? Bei mir jedenfalls hat diese Erfahrung nicht funktioniert, den Grad meines Mitgefühls nicht verändert, meine Haltung nicht tangiert. Grenzen sollten für Menschen offen sein. Am Ende von „Carne y Arena“ waren nur meine Füße sandig.

          Beeindruckender als diese Installation, die von der Fondazione Prada und Lengendary Entertainmaint präsentiert wird, ist ihr Epilog: ein Gang mit kleinen Fenstern, in denen die Immigranten, nach deren Vorbild die virtuellen Wesen geschaffen wurden, ihre Geschichte erzählen. Wir schauen lange in ihre Gesichter, während wir über die Erfahrung lesen, die sie hinter sich haben. Es sind immer wieder ähnliche Geschichten, aber doch jede einmalig, jede unserer Aufmerksamkeit wert, auch, vielleicht gerade unter der „Diktatur des Rahmens“, aus dem diese Gesichter uns anblicken.

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