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Filmfestival in Cannes : Gehen Sie als Mensch hinein

Mit ihrem Anliegen fügt sich diese Installation gut ins diesjährige Programm. Für Cannes erstaunlich viele Filme versuchen, uns von Haltungen und einer Sicht auf die Welt zu überzeugen, über die wir uns im Großen und Ganzen längst geeinigt haben. Selbst in Schweden klafft die Schere zwischen Reich und Arm weit, und das sollte nicht so sein? Einverstanden. „The Square“ von Ruben Östlund hämmert es uns ein. Sein Film über einen Kurator moderner Kunst, der über eine dumme Idee nach dem Diebstahl seiner Börse und seines Smartphones in ein bewussteres und demütigeres Leben stolpert, hat großartige Szenen, etwa einen kleinen türkischen Jungen, der sich ungerecht behandelt fühlt und so lange auf seinem Recht besteht, bis der Regisseur ihn ins Nichts fallen lässt. Dafür hat er aber auch miese Ideen wie die Performance eines affenartigen Typen bei einem Fundraising Dinner, die aus den Achtzigern stammen könnte und kaum mit anzusehen ist.

Von Östlund lief hier vor ein paar Jahren ein viel stärkerer Film („Force Majeure“) in der Nebenreihe Un certain regard. Dasselbe gilt für den Ungarn Konrél Mundruczó, dessen „White God“ 2014 den Preis dieser Reihe gewann und damals im Wettbewerb gut aufgehoben gewesen wäre. Sein neuer Film „Jupiter’s Moon“ kann da in keiner Weise mithalten. Dabei beginnt die Geschichte um einen Flüchtling, der an der ungarischen Grenze erschossen wird, aber nicht stirbt, sondern vom Boden abheben und wie ein Engel von oben auf die Welt schauen kann, mit einer ähnlich dynamischen Szene wie „White God“. Menschen zusammengepfercht mit Hühnern im Bus. In einem Boot. Schüsse fallen, das Boot kentert, Menschen schreien. Einige schaffen es ans andere Ufer, rennen. Und wie sie rennen und die Kamera parallel neben ihnen herrast und wie die Schüsse fallen, von denen unser Held getroffen niederfällt, bevor er aufersteht – das macht Hoffnung auf einen Film, der dann nicht kam. Bei den Bildern dieser Flucht, da klopfte das Herz nicht langsamer als in der Installation draußen im Hangar.

Auch der Kampf gegen die Aids-Epidemie in den Achtzigern und Neunzigern, als sich die Politik unter Mitterrand lange desinteressiert und die Pharmaindustrie borniert und zynisch zeigte, die Selbstorganisation von Hilfe für die Infizierten, die Kranken und Sterbenden sind wichtige Themen, die einen eine Weile in „120 battements par minute“ von Robin Campillo bei der Stange halten. Sein Film über die Geschichte der Aktivistengruppev Act Up erzählt dabei gleichzeitig eine Liebesgeschichte unter Männern, von denen einer sterben wird, von Konflikten innerhalb der Gruppe und davon, wie sich Aktionen und Debatten organisieren ließen, als die Welt noch analog funktionierte. Dazu Disko, Sex und in manchen, den stärksten Szenen das Gefühl dafür, wie jung die Männer waren, die damals starben. Ein Bild von einem schmalen Mann, der aussieht wie ein altes Kind, nachdem er zuvor durch die Pariser Straßen getanzt ist – dieser kurze Augenblick, in dem bewusst wird, er ist vierundzwanzig und gleich tot, erzeugte endlich das Gefühl, auf das hier alle aus sind.

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