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Filmfestival Cannes : Mit der Leinwand abheben und davonschweben

Reise ins Imaginäre: Szene aus dem Film „Cemetry of splendour“ von Apichatpong Weerasethakul Bild: Filmfestival

In den bemerkenswerten Filmen von Stéphane Brizé und Apichatpong Weerasethakul treffen in Cannes die Extreme des Kinos aufeinander: traumhafte Geisterbeschwörung und unerbittlicher Sozialrealismus.

          Die Welt, die der Thai Apichatpong Weerasethakul erschafft, hat mit nichts eine Ähnlichkeit, was wir jenseits seiner Filme erleben. Und doch ist es ganz einfach, sie zu betreten. Hinsetzen im Kino, warten, dass das Licht ausgeht, Augen auf. Schon ist man da, und man hat das Gefühl, in einem Imaginären angekommen zu sein, das auf seltsame Art ein Zuhause ist. Im Fall von Weerasethakuls Film „Cemetery of Splendour“, der in der Nebenreihe Un certain regard gezeigt wurde, liegt dieser imaginäre Ort am Bett eines schlafenden Mannes, das mitten im Urwald zu stehen scheint. Palmwipfel wachsen beinahe hinein in die geöffneten Fenster. Sobald wir mehr vom Zimmer sehen, in dem der Schlafende liegt, erkennen wir, dass wir in einem Krankenhaus sind, einem provisorischen allerdings, das früher eine Schule war. In einem Zimmer hängt noch eine alte Tafel, und das medizinische Gerät ist nur spärlich vorhanden, auch ein Arzt schaut nur manchmal vorbei. In dem Raum mit dem Bett vom Anfang stehen noch viele andere Betten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In allen schlafen Männer. Offenbar schon lange. Sie sind Soldaten gewesen, aber man sieht keine Verletzungen. Ein Medium, eine junge Frau, geht von Bett zu Bett und erzählt den Angehörigen, was ihre schlafenden Männer, Söhne oder Brüder träumen. Das hören wir aber nicht, nur manchmal gibt das Medium weiter, was sie essen wollen und trinken und ob sie Eiswürfel dazu erwarten. Was wir noch hören, sind das Summen der Ventilatoren und der Wind, der durch die Palmenwipfel streicht, und manchmal ein Tier.

          Extremer Realismus: Szene aus „La loi du marché

          Wenn man kurz zuvor im Wettbewerb Stéphane Brizés naturalistisch-sozialkritischen „La loi du marché“ gesehen hatte, einen formal kargen, genau gearbeiteten Film über einen arbeitslos gewordenen Arbeiter, der diszipliniert und verantwortungsvoll versucht, sein Leben nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, kamen einem die Schlafenden im Urwald Thailands wie seine müden Brüder aus einem Traum vor, und das sind sie wohl auch. Ihre Energie, so die Geschichte hinter ihrer seltsamen Erkrankung, wird von den Königen aufgezehrt, die in der Erde unter der Krankenstation vor Hunderten von Jahren begraben wurden und nicht aufhören wollen, sich zu bekriegen.

          Es waren an dem Tag, der mit diesen beiden Filmen begann, die Extreme des Kinos innerhalb weniger Stunden erfahrbar. Das ist deutlich erfrischender als das kommerziell vermutlich Vielversprechendere und bekannt Aussehende wie Nanni Morettis „Mia Madre“ oder noch ein französischer Film über die Liebe in gehobenen Kreisen und wie sie wieder mal schiefgeht (Maïwenns „Mon roi“). Stéphane Brizé aber scherte sich nicht um Fotogenität von Schauplätzen. Die Welt seines Helden ist grau und unspektakulär, und zum Tanzen muss der Couchtisch zur Seite gerückt werden. Brizé bleibt nah dran an seinem Darsteller Vincent Lindon, lässt ihn nie allein, während dieser stoisch und pragmatisch sich durch Video-Bewerbungen und Bankberatungen kämpft, gut vorbereitet, aber meistens nicht mit der marktkonformen gewissen Geschmeidigkeit, die gefragt ist. Schließlich landet er als Detektiv in einem Supermarkt, wo er Ladendiebe stellen soll. Was er tut, mit derselben pragmatischen Haltung, die weder herablassend noch beschönigend, noch mitleidsvoll ist. Ein Selbstmord ist der Höhepunkt der Katastrophen des Alltags in dieser ziemlich räudigen Welt. Jedes Jahr laufen in Cannes solche Filme, meistens haben die Dardenne-Brüder sie gedreht, in diesem Jahr war es Brizé, dem das fehlt, was die belgischen Brüder auszeichnet, nämlich dann noch etwas Spezielles neben dem allgemeinen Elend, ein Augenblick der Poesie.

          Weerasethakul will etwas anderes im Kino als soziale Wirklichkeit, schließt sie aber nicht aus (eine surreale Produktpräsentation einer Creme aus Kautschuk erinnert uns daran). Er will uns eine Welt sichtbar machen, die eigentlich jenseits des Sichtbaren liegt, dort, wo es Geister gibt und Gestalten aus früheren Leben. Das ist eine Welt, die auch nicht spektakulär aussieht, sie ist asphaltiert mit einem Parkplatz, auf dem morgens rhythmische Gymnastik stattfindet, dahinter reißen Bagger den Boden auf, warum, weiß aber niemand zu sagen. Das Licht ist meistens flach und ohne große Kontraste, die das Ganze interessanter aussehen lassen würden. Nur wenn drinnen die Lichttherapielampen neben den Betten angehen, die aussehen wie Schirmstöcke für Riesen, und farbiges Licht das Krankenzimmer mit den Schlafenden nachts in monochrome Farben taucht, mal Rot, dann Blau oder Grün, dann hat man den Eindruck, mit der Leinwand demnächst abzuheben und davonzuschweben.

          Leben wie im Traum

          Eine Freiwillige, Jen, kommt in diese Krankenstation. Sie hinkt, weil eines ihrer Beine kürzer ist als das andere, und einer ihrer Schuhe hat eine sehr dicke Sohle deswegen. Sie kümmert sich um einen der Schlafenden, der keine Familie hat, sie wäscht ihn, sie setzt ihm die Sauerstoffmaske auf, sie sitzt an seinem Bett, sie liest sein Notizbuch, in dem er rätselhafte Dinge niedergeschrieben und gezeichnet hat. Auf einer Seite steht „Hallo“, und das sagt er eines Tages, als er aufwacht und sie an seinem Bett sitzen sieht.

          Zwischendurch telefoniert Jen mit ihrem amerikanischen Mann. Sie sagt lustige Sätze wie den, dass die Europäer den amerikanischen Traum lebten, und mit dem Medium stiefelt sie durch den Urwald und am See entlang und lässt sich erklären, wo in den untergegangenen Königspalästen die goldenen Bäder waren und die prächtigen Schlafgemächer.

          „Cemetery of Splendour“ kann hier nichts gewinnen, er lief nicht im Wettbewerb. Aber Apichatpong Weerasethakul hat ja vor fünf Jahren schon eine Goldene Palme gewonnen. Für Brizé sieht das möglicherweise anders aus. Sein Film kam gut an. Aber was heißt das schon, wenn eine halbe Festivalwoche noch vor uns liegt.

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