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Cannes : Wie aus einem Motorradfahrer ein Revolutionär wird

  • -Aktualisiert am

Guevara Reiskumpan Granado und Guevara Darsteller Bernal in Cannes Bild: AP

Ernesto Guevara sucht die Wahrheit in Tanzhallen und Heuschuppen neben der Straße. Filme von Walter Salles und Olivier Assayas beim Festival in Cannes zählen zu den Preisfavoriten. Wer wird die Palme gewinnen?

          Im Januar 1952 steigen zwei junge Argentinier in Buenos Aires auf ein altes Motorrad, um gemeinsam den südamerikanischen Kontinent zu erkunden. Der eine, Alberto Granado, ist Biochemiker, der andere, Ernesto Guevara de la Serna, studiert Medizin. Sein Porträt wird später, nach seinem frühen Tod, in allen Studentenbuden der westlichen Welt hängen, überschrieben mit seinem Kampfnamen: Che Guevara.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der brailianische Regisseur Walter Salles hat die Geschichte dieser Fahrt filmisch nacherzählt. "The Motorcycle Diaries" überblendet zwei verschiedene Erinnerungen, die geschönte, nachträglich überhöhte des Berufsrevolutionärs Che Guevara (aus seinem Buch "Reisenotizen") und die authentischen Tagebuchaufzeichnungen seines Freundes Alberto Granado.

          Granado ist inzwischen zweiundachtzig Jahre alt und hat mehrere Herzinfarkte hinter sich, aber er flog dennoch tapfer nach Cannes, um für den Film einzustehen, der eine zentrale Episode seines Lebens dokumentiert. Es sind solche Besuche, die ein Festival wie dieses unvergeßlich machen.

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          Ein Kontinent der Armut

          Der Film von Salles beginnt als großbürgerliche Idylle. Die beiden Freunde fahren zu einer Hacienda von Guevaras Verwandten, wo der schöne Ernesto (Gael García Bernal) mit seiner Kusine anbandelt, bevor er mit dem handfesteren Alberto (Rodrigo de la Serna) weiterzieht, gebrochene Herzen und unhaltbare Versprechungen hinterlassend. Doch je länger die Reise dauert, je tiefer die beiden Motorradfahrer in die Einöden und Urwälder Patagoniens, Chiles und Perus eindringen, desto deutlicher erscheint die bittere Realität Südamerikas.

          Es ist ein Kontinent der Armut, den Ernesto und Alberto kennenlernen, ein Reich der Tagelöhner und Kleinpächter, der entwurzelten Indios, der Klassenherrschaft und der Korruption. Man könnte dies alles in drastischen Farben schildern, wie es viele andere Spielfilme getan haben, aber Salles hat sich dafür entschieden, das allgemeine Elend nur beiläufig am Rande aufblitzen zu lassen, und diese Entscheidung macht seinen Film groß.

          Eindrücke werden zu unumstößlichen Einsichten

          "The Motorcycle Diaries" ist zuerst und vor allem ein Road Movie, also das Gegenteil eines Lehrstücks: eine Geschichte nicht von Thesen, sondern von Straßen und Plätzen, Tanzhallen und Heuschuppen. Erst allmählich erkennt man im Gesicht von Ernesto, dem der Mexikaner Gael García Bernal die Zartheit eines Stendhalschen Helden verleiht, wie die Etappen zu Denkschritten, die Eindrücke zu unumstößlichen Einsichten werden.

          Seinen dramatischen Höhepunkt erreicht der Film in einer Leprastation auf beiden Ufern eines Flusses in Peru, wo sich die beiden Reisenden als Assistenzärzte einquartieren. Am Ende ihres Aufenthalts hält Ernesto vor dem Pflegepersonal eine improvisierte Abschiedsrede, in der er die Aufteilung Südamerikas in unterschiedliche Länder als Lüge und Selbstbetrug verdammt. Dann wählt er den kürzesten Weg vom Gedanken zur Tat: Er stürzt sich in den Fluß, um das Lager der Leprösen auf der anderen Seite zu erreichen, in der Schwärze einer mondlosen Nacht.

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