https://www.faz.net/-gqz-oun9

Cannes : Unsere Musik und eure Stille

  • -Aktualisiert am

Shrek und seine Freunde: Cameron Diaz, Mike Myers, Antonio Banderas Bild: AP

One plus one, reich und arm: Abbas Kiarostami zeigt in Cannes vor den Ungeduldigen von heute das Kino von morgen. Jean-Luc Godards neuer Film hingegen ist ein Versöhnungsangebot an seine Zuschauer.

          4 Min.

          Ein kluger Mann hat einmal erklärt, das Kino sei nicht dadurch entstanden, daß einer mit der Filmkamera ein Bild gemacht habe, sondern dadurch, daß ein zweites Bild dazugekommen sei: "one plus one". Aber eigentlich hat es von Anfang an nicht nur zwei Bilder, sondern auch gleich zwei Sorten von Kino gegeben, ein reiches und ein armes: das Kino der Industrie und das Kino der Individuen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Beide haben ihren angestammten Platz an der Croisette. Das Industriekino wurde am Samstagabend durch den Animationsfilm "Shrek 2" repräsentiert, zu dessen Vorführung sich die Crème der französischen Kulturbürokratie und ein paar angereiste Hollywoodstars im Festivalpalast versammelten. Während draußen die "intermittents du spectacle", die vom Zusammenbruch ihrer Versorgungskasse bedrohten französischen Kulturarbeiter, auf sich aufmerksam zu machen versuchten, öffneten sich drinnen ein weiteres Mal die Türen von Nimmerland: Last Exit Cannes 2004.

          Parodie der Studiowelt-Klischees

          "Shrek 2", der wie sein Vorgänger vor drei Jahren ganz regulär im Wettbewerb von Cannes läuft, setzt die Abenteuer des grünen Ogers Shrek fort, der sich diesmal mit seiner geliebten Prinzessin Fiona bei den Schwiegereltern im Lande Far Far Away vorstellen muß. Vom ersten Bild an parodiert der Film hingebungsvoll die Klischees der Studiowelt, der er seine Existenz verdankt. Seinen Höhepunkt erreicht er in der Schilderung des Märchenkönigreichs, dessen Emblem dem Hollywood Sign hoch über Beverly Hills aufs Haar gleicht.

          Die Kaffeekette Starbucks heißt hier Farbucks, im Schnellrestaurant bestellt man einen Medieval Burger, und im Hintergrund leuchtet die Silhouette des Beverly Wilshire Hotels, in dem schon "Pretty Woman" ihr Glück fand. So geht es am Ende von "Shrek 2" auch der Ogerprinzessin, aber bis dahin werden eineinhalb Stunden lang alle Effekte aufgeboten, welche die digitale Technologie zur Verfügung stellt. Im Grunde ist der Film die reine Selbstbespiegelung Hollywoods, aber weil das amerikanische Kino heute fast überall die Leinwände regiert, wirken die Spiegelbilder für niemanden mehr fremd. Das globale Dorf mag viele Namen tragen, aber sein visuelles Zentrum liegt unter den Hügeln von Beverly Hills.

          Vorlesung vor laufender Kamera

          "Wenn wir das Wort ,Museum' aussprechen, denken wir an den Louvre, obwohl es hunderte andere große Museen gibt. Und wenn wir ,Kino' sagen, denken wir an amerikanische Filme." Das sagt der iranische Regisseur Abbas Kiarostami in einem Film, der die krasseste Antithese zum Augenzuckerwerk von "Shrek 2" ist, die man sich vorstellen kann. In "Ten on Ten", der in Cannes in der Nebenreihe "Un Certain Regard" lief, hält Kiarostami eine Vorlesung vor laufender Kamera - nur daß er nicht vom Katheder aus spricht, sondern vom Steuer eines Geländewagens, der durch jene Hügel oberhalb von Teheran fährt, in denen vor acht Jahren Kiarostamis "Geschmack der Kirsche" entstand.

          Es geht um das, was für Kiarostami das Kino ausmacht: den Widerschein der Realität, und wie man ihn einfängt. In die zehn Kapitel der Lektion sind Ausschnitte aus Kiarostami letztem Film "Ten" einmontiert, so daß man sehen kann, was der Iraner meint, wenn er über die Arbeit mit Laiendarstellern spricht, über den sparsamen Einsatz von Musik, die Überflüssigkeit von Dekors und Kostümen, das technische Wunder der Digitalkamera. Es gibt vielleicht keinen wichtigeren Film dieses Jahr in Cannes als "Ten on Ten", denn er enthält eine ästhetische Unabhängigkeitserklärung, die ebenso revolutionär ist wie einst das Manifest von "Dogma 95". Das arme Kino sagt dem reichen den Kampf an, nicht um es zu vernichten, sondern damit beide überleben können.

          Der amerikanischen Übermacht trotzen

          Weitere Themen

          Keine Posen, immer Haltung

          Schauspielerin in Coronazeiten : Keine Posen, immer Haltung

          Sie hat gerade erst angefangen. Nun scheint schon wieder alles vorbei. Ein Porträt der jungen Schauspielerin Julia Windischbauer, die seit dieser Spielzeit im Ensemble des Deutschen Theaters ist.

          Topmeldungen

          Wohl dem, der zu Hause ein sonniges grünes Plätzchen hat. Eine Horizonterweiterung kann, mit dem richtigen Buch, auch dort stattfinden.

          Zukunft des Tourismus : Über Leben ohne Reisen

          Was passiert mit uns, wenn wir nicht reisen? Die Zukunftsforscher Horst Opaschowski und Matthias Horx über Langeweile, Horizonterweiterung und die Frage, wie unser Urlaub nach der Pandemie aussehen wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.