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Filmfestival Cannes : Ende einer Kreuzfahrt

Noch sonnen sie sich: Szene aus „Triangle of Sadness“ Bild: Festival de Cannes

Den Folgen der Globalisierung kann niemand entkommen, ob auf einer Luxusjacht oder in einem rumänischen Dorf. Davon erzählen Filme von Ruben Östlund und Cristian Mungiu im Wettbewerb von Cannes.

          4 Min.

          Eine Luxusjacht unterwegs im Mittelmeer. Die Passagiere räkeln sich in der Sonne, die Crew schuftet unter Deck, der Kapitän hat sich in seiner Kajüte verschanzt. Ein russischer Milliardär prahlt, morgen werde er das Schiff kaufen. Ein englisches Ehepaar erzählt von seinen Profiten im Handgranatengeschäft. Eine Badende fordert die Kellnerin auf, sich an ihrer Stelle in den Pool zu setzen. Und eine Frau, die im Rollstuhl sitzt, wiederholt immer dieselben drei Worte: „In den Wolken. In den Wolken.“

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dann zieht ein Seesturm auf. Die Crew serviert das Dinner wie vorgesehen, aber die Gäste können die Leckereien nicht mehr genießen. Einer nach dem anderen erhebt sich vom Tisch und stürzt an die Re­ling oder erbricht sich gleich auf seinen Teller. Der Kapitän und der Oligarch trinken derweil die Bordbar leer und reißen Witze über Marx und Lenin. Das Licht fällt aus. Die Toiletten laufen über. Doch am nächsten Morgen ist der Himmel wieder klar. Nur dass am Horizont jetzt ein Piratenboot lauert. Ge­weh­re werden geladen, Granaten gezückt, das englische Ehepaar bekommt die Durchschlagskraft seiner Produkte zu spüren. Schließlich zerreißt ei­ne Explosion das Schiff. Die Überlebenden retten sich auf eine Insel. Der Kapitän ist nicht darunter. Aber eine Putzfrau.

          Der Schwede Ruben Östlund hat 2017 mit der Satire „The Square“ in Cannes die Goldene Palme gewonnen. In seinem Film „Triangle of Sadness“ macht er mit der globalen Klassengesellschaft ebenso Ernst, wie er sich in „The Square“ über den Kunstmarkt lustig gemacht hat. Aber bevor er uns auf die Insel des kommenden Tages mitnimmt, spielt er ein bisschen Welt­un­ter­gang. Jeder Passagier, der kotzend vom Stuhl fällt, wird von der Kamera einzeln verabschiedet. Das kostet viel Kinozeit. Von den zweieinhalb Stunden, die „Triangle of Sadness“ dauert, sind zwei Drittel Vorspiel, erst dann kommt der Film zur Sa­che. Denn die Putzfrau, die sich im Dingi aus der sinkenden Jacht gerettet hat, ist auf der Insel die einzige, die Fische fangen und Feuer machen kann. Rasch führt sie unter den Überlebenden das Kommando. Einer der Passagiere, Carl, ist Fotomodell. Ihn macht die neue Chefin unter den Augen seiner Freundin zu ihrem Liebhaber. Zur Belohnung füttert sie den Rest der Truppe mit Salzstangen aus ihren Vorräten. Als es einem anderen Passagier gelingt, einen Esel zu erschlagen, der sich im Dickicht verlaufen hat, ist das postsozialistische Ro­binson-Idyll beinahe perfekt.

          Im Kino ist Wirkung eine Frage der Ökonomie. Bei Ruben Östlund läuft die Er­zähl­öko­nomie derart aus dem Ruder, dass man sich an eins jener Feste erinnert fühlt, die erst zu spät anfangen und dann nicht mehr enden wollen. Dennoch bekam sein Film bei der Premiere in Cannes minutenlange Ovationen. Unter den Kritikern, die in der Branchenzeitschrift „Screen“ ihre Wertungen abgeben, gilt „Triangle of Sadness“ als Preisfavorit, was der Gott der Palmen verhindern möge. Immerhin ist Östlunds Werk bislang der Film mit der sichtbarsten deutschen Beteiligung im Wettbewerb von Cannes. Sunnyi Melles tanzt im Badeanzug einen wilden Pas-de-deux mit der Dekadenz, und Iris Berben spielt als Frau im Rollstuhl eine jener Nebenrollen, die man nicht so leicht vergisst.

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