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Cannes : Piratenbande

  • -Aktualisiert am

Des Starruhms müde? Tom Hanks in Cannes Bild: AP

Die Coen-Brüder liefern mit ihrem neuen Film „The Ladykillers“ das Remake, oder besser: die cineastische Kannibalisierung einer fünfzig Jahre alten britischen Gangsterkomödie mit Alec Guinness.

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          Der Feind steht nicht mehr vor der Tür, er ist in den Kinopalast eingedrungen und macht sich daran, ihn zu zerstören. Aber Cannes leistet Widerstand. Gestern tagte hier ein Symposion gegen die neuerdings blühende Filmpiraterie, zu dem sich Studiochefs aus Amerika, Frankreich, China, Indien und Rußland eingefunden hatten. Gemeinsam suchte man nach technologischen und erzieherischen Maßnahmen, mit denen das Abschmelzen der Profite aus dem Filmgeschäft gestoppt werden könnte. Die Botschaft der Tagung faßte Jack Valenti, der scheidende Präsident des amerikanischen Kinoverbands MPAA, in seiner bewährten Dynamitprosa zusammen: die Filmpiraterie sei "eine Bedrohung für jedes Land, jede Kultur und jeden Glauben".

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es wäre interessant, was die Coen-Brüder dazu sagen, deren neuer Film "The Ladykillers" im Wettbewerb läuft, das Remake, oder besser: die cineastische Kannibalisierung einer fünfzig Jahre alten britischen Gangsterkomödie mit Alec Guinness, die zu den Klassikern ihres Genres gehört. "Wir haben das Skelett herausgerissen und aufbewahrt und alles andere weggeworfen", geben die Coens im Presseheft zu.

          Hanks mit Buffalo-Bill-Bärtchen

          In der Tat: ihre "Ladykillers" spielen nicht mehr in London, sondern mitten in Coen-Country, also in jener Südstaatenwelt, in der schon die meisten früheren Coen-Filme angesiedelt waren. Dort haust die Witwe Munson (Irma P. Hall) zwischen Erinnerungsfotos und Porzellantassen in bukolischer Ruhe, bis eines Tages ein Herr im Plaid mit Buffalo-Bill-Bärtchen vor ihrer Tür steht: Tom Hanks als Honorarprofessor G. H. Dorr. Dorr will mit einer Bande von Hobbykriminellen das örtliche Spielkasino ausrauben und hat sich das Haus der Witwe als Operationsbasis und Ausgangspunkt des notwendigen Tunnels erkoren.

          Um ihr Treiben zu tarnen, geben sich die fünf Gangster als Mitglieder einer Musikergruppe aus, die auf echten Renaissance-Instrumenten spielt, doch wenn man die Jammerkästen und alten Tröten sieht, die sie zu ihren täglichen Sitzungen anschleppen, glaubt man ihnen kein Wort. Aber darum, um den Glauben, geht es im Kino eben auch, und ein wenig glaubhafter hätte "Ladykillers" schon sein dürfen.

          Kein wirkliches Wasser

          Der Film sieht wie immer bei den Coens blendend aus, er schimmert in milden Braun- und Cremetönen, und auch im Erfinden skurriler Nebenfiguren sind die Brüder nach wie vor ungeschlagen. Nur hat man, wenn man bei ihnen von einer hohen Brücke herunterblickt, einfach nicht das Gefühl, auf wirkliches Wasser zu schauen, selbst dann nicht, wenn dort unten Schiffe und Boote fahren. "Ladykillers" will einen klassischen Stoff aktualisieren und musealisiert stattdessen sich selbst. Manchmal finden die Filmpiraten auf den alten Windjammern, die sie ausrauben, eben auch ihren Meister.

          Eine ganz andere Art von Freibeuterei betreibt Sean Penn in Niels Muellers Film "The Assassination of Richard Nixon", der in der Nebenreihe "Un Certain Regard" gezeigt wurde. Der Film handelt von Sam Bicke, einem erfolglosen Möbelverkäufer, der in den siebziger Jahren ein Flugzeug entführen und auf das Weiße Haus stürzen lassen wollte, und "Bicke" klingt nicht zufällig nach Travis Bickle, dem "Taxi Driver" Robert De Niros. Denn Penn spielt den Part mit Schlafwandlerblick, Kinnmotorik und Macho-Mimosen-Mimik als glasklare De-Niro-Paraphrase, Shootdown und Schlußwort inklusive. Leider hat der Film nicht halb soviel epigonale Energie wie Penn, so daß die Hommage ihr Ziel verfehlt.

          Einer, der nichts von Hommagen, aber um so mehr vom Filibustern bei anderen hält, ist in diesem Jahr in Cannes Präsident der Jury: Quentin Tarantino. Gleich am Anfang machte er sich bei der Branche unbeliebt, indem er andeutete, daß er sich selbst gern manchmal Raubkopien seiner geliebten Schwertkämpfer-Epen besorgt. Der Vorsitzende der internationalen Produzentenvereinigung ermahnte ihn daraufhin, noch einmal in Ruhe über seine Äußerungen nachzudenken. Dazu hat Tarantino jetzt noch vier Tage Zeit, dann muß er die Goldene Palme vergeben. Das Original, nicht das Remake.

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