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Cannes : Im Strudel der Phantasie

  • -Aktualisiert am

„2046”-Regisseur Wong Kar-wai beim Fototermin Bild: AP

Am Ende des Festivals in Cannes blickt Wong Kar-wai in die Zukunft und wiederholt doch schon Gesehenes. Die Kritik ist milde und zufrieden.

          3 Min.

          Am Abend ist Cannes am schönsten. Die Dämmerung verwischt die klotzigen Umrisse des Festivalpalasts und kaschiert die Bausünden der vergangenen Jahrzehnte, die aus der Côte d'Azur eine nahezu versteinerte Küste gemacht haben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Unter der alten Festung von Le Suquet, die schon die Flotten Napoleons und des Emirs von Tunis, die Armeen Karls V. und des Prinzen Eugen vorbeiziehen sah, liegen die Luxusjachten am Hafenquai wie die weißen Tasten auf einem Klavier. Der Wind trägt die Geräusche des Festivals in Wellen herauf und vermischt sie mit dem Rauschen der Pinien, dem Zirpen der Zikaden, dem Tönen der Klosterglocken auf der Insel Saint-Honorat. Es ist die Stunde, da man sich an alles erinnert, die Jahre, die vergingen, und die Jahre, die kommen werden.

          Die Liebe, die Sehnsucht, die Erinnerung, die "days of being wild"

          In dieser Dämmerung spielt Wong Kar-wais neuer Film "2046". Schon sein Titel ist ein wenig verschwommen, denn er bezeichnet drei Dinge auf einmal: das ferne Jahr, zu dem ein Grüppchen melancholischer Zeitreisender am Anfang des Films in einem lichtschnellen Zug unterwegs ist, zugleich aber auch diesen Zug selbst; und die Nummer eines Hotelzimmers in Hongkong, in dem der Journalist Chow (Tony Leung) im Sommer 1966 die schöne Bai Ling kennenlernt.

          Wir kennen Chow aus "In the Mood for Love", der vor vier Jahren in Cannes lief, und in gewisser Weise ist "2046" die direkte Fortsetzung dieser Liebesgeschichte. Bloß daß es bei Wong keine direkten Fortsetzungen gibt. Es gibt nur endlose Variationen und Improvisationen über dieselben ewigen Themen, die Liebe, die Sehnsucht, die Erinnerung, die "days of being wild", wie das in einem anderen alten Wong-Film hieß, und die stilleren Tage, die ihnen folgten.

          Es ist immer die gleiche Geschichte, die da erzählt wird, die Geschichte einer verlorenen Emotion, aber weil Wong Kar-wai ein Zauberer des Immergleichen ist, weil er die Engel der Vergangenheit auf der Nadelspitze eines genialen Filmbilds balancieren kann, erscheint sie immer wieder neu. Nur nicht in "2046".

          Nahe der Selbstparodie

          Denn dieser Film, an dem Wong fast vier Jahre gearbeitet hat, kommt einer Selbstparodie so nah, wie eine in allem proustischen Ernst vorgetragene melodramatische Science-fiction-Epopöe nur kommen kann. Er erzählt nicht bloß eine oder zwei, sondern gleich vier ineinander geschachtelte Liebesgeschichten, für die Wong ein Quartett der bekanntesten chinesischen Schauspielerinnen (Zhang Ziyi, Gong Li, Faye Wong und Maggie Cheung) engagiert hat.

          Er spielt auch dieselben klassischen Sambas, Rumbas, Weihnachtslieder und Opernarien so oft zu denselben kaum variierten Einstellungen von Fluren, Restauranttischen, Hotelbetten, Männer- und Frauengesichtern ab, bis man sich an beidem endgültig satt gehört und gesehen hat.

          Es gibt auch in "2046" wieder Momente, die das Herz schneller schlagen lassen, aber sie sind nur Schaumkronen im Strudel einer Phantasie, die ihren Leerlauf durch immer pompösere Selbstumkreisung zu kaschieren versucht. Die sechziger Jahre, deren Kleider, Gesten und Melodien in "In the Mood for Love" magisch aufleuchteten, sind zur Konfektion verkommen. Wenn Wong mit diesem Film eine Palme gewinnt, dann nur, weil er sie vor vier Jahren verdient und nicht bekommen hat.

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