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Cannes : Die wahre Schule des Lebens

  • -Aktualisiert am

Nimmt den Ruhm gelassen: Pedro Almodóvar Bild: REUTERS

Mit Pedro Almodóvars Film „La Mala Educación“, einem Wunderwerk der filmischen Montage, eröffnet das 57. Filmfestival in Cannes. Hierher kommt man, um berühmt zu werden, notfalls durch einen Skandal.

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          Das stockwerkhohe Plakat, das für die Fortsetzung des amerikanischen Kassenerfolgs "Spiderman" wirbt, flattert zwischen den Türmchen des Hotels Carlton im Wind. Am Himmel darüber ziehen graue Wolkenheere zur Schlacht nach Osten. Gerade rechtzeitig zur Pressevorführung von Pedro Almodóvars Film "La Mala Educación" (Die schlechte Erziehung), der in diesem Jahr das Festival eröffnet, fallen die ersten Tropfen. Auch für die Eröffnungsgala am Abend ist Regen angesagt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In den überdachten Pavillons des Internationalen Filmmarkts hinter dem Festivalpalast packen unterdessen die Geschäftsleute der Branche ungerührt ihre Laptops aus. Und in den Fachzeitschriften, die an der Croisette ausliegen, liest man, daß das ehemalige Double von Saddam Husseins Sohn Uday in einem kugelsicheren Mercedes nach Cannes kommen wird, um für ein Spielfilmprojekt über sein Leben zu werben, und daß Oscar Wildes "Bildnis des Dorian Gray" ein weiteres Mal verfilmt worden ist.

          Bilder und Gegenbilder

          Es sind die alten Themen des Festivals: Bilder und Gegenbilder, Macht, Geld, Hollywood, Film als Kunst und Film als Show. Und das Wetter. Daß jede vierte Cannes-Eröffnung unter ein Tiefdruckgebiet fällt, ist statistisch erwiesen, aber in diesem Jahr hat sich auch noch eine andere, innenpolitische Wolke über dem Festival zusammengeballt.

          Jury-Präsident Quentin Tarantino
          Jury-Präsident Quentin Tarantino : Bild: REUTERS

          Die Interessenvertreter der "intermittents", der künstlerischen Saisonarbeiter in Frankreich, deren Sozialversicherungsmodell vor dem Zusammenbruch steht, drohten vor Wochenfrist, das Kinofest durch Protestaktionen zu sabotieren. Am vergangenen Samstag wurde ein Kopierwerk bei Paris, das Filmrollen nach Cannes ausliefern wollte, von Demonstranten belagert; die Gala am Eröffnungsabend mit der vielbestaunten "montée des marches", der Promenade der Stars und Kulturbürokraten auf dem roten Teppich vor dem Festivalpalast, sollte das nächste Opfer sein.

          Fieberhafte Verhandlungen

          Rasch wurde aber klar, daß weder die französische Kulturindustrie noch die Stadt Cannes sich ein Debakel wie das von Avignon im vergangenen Jahr, als die "intermittents" den Abbruch des Theaterfestivals erzwangen, würden leisten können. So begannen fieberhafte Verhandlungen, die am gestrigen Dienstag schließlich Erfolg hatten. Die Tänzer, Schauspieler, Kostümarbeiter und Techniker bekamen von der Festivaldirektion einen genau abgegrenzten Spielraum zur Darstellung ihrer Forderungen eingeräumt.

          So dürfen exakt zwanzig "intermittents" vor dem Beginn der "montée des marches" auf der Treppe zum Grand Auditorium Lumière erscheinen, um auf ihre Notlage hinzuweisen. Ein eigener Raum im Festivalpalast, die "salle des mutilés", also der Saal der Kriegsversehrten, wird den Teilzeitkünstlern als Kommunikationszentrum eingeräumt. Auch eine Pressekonferenz und ein Protestpicknick am öffentlichen Strand der Croisette sind geplant.

          Notfalls Skandale

          Ob sich die Saisonarbeiter, zu denen auch eine vielsagend "K.O. Cannes" getaufte Gruppe aus Marseille gehört, auf diese Weise besänftigen lassen werden, steht freilich in den Sternen. Cannes ist nicht der Ort, an dem Regeln sklavisch eingehalten werden, seien es künstlerische, politische oder moralische. Seit es das Festival gibt, kommen Menschen hierher, um gegen alle Widerstände berühmt zu werden, notfalls durch einen Skandal. Agnès Jaoui und Jean-Luc Godard, deren neue Filme im offiziellen Programm laufen, haben bereits Sympathie mit den "intermittents" bekundet, und so steht zu erwarten, daß deren Sache auch außerhalb des Saals der Kriegsversehrten zur Sprache kommen wird.

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