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Cannes : Die Sterne, sie strahlten über Südfrankreich

  • -Aktualisiert am

Cannes: Die Preisverleihung naht Bild: REUTERS

An diesem Sonntag werden die Palmen verliehen. Aber die Palmen sind ja nur ein Aspekt des Festivals, für die meisten geht's hier mehr ums liebe Geld. Was bisher geschah: Ein Rückblick auf das 60. Festival von Cannes.

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          Freitagabend. Das Fest ist fast zu Ende, die Jury in Klausur, und Sonntag Abend werden die Palmen vergeben. Manche setzen auf den Rumänen als Sieger, andere auf Julian Schnabel oder die Coen-Brüder, auch Fatih Akin ist nicht ohne Chancen, und nur wenn man den „Cahiers du Cinéma“ glaubt, dann müssten Béla Tarr, Alexander Sokurow oder sonst ein Obskurant des Weltkinos gewinnen. Aber die Palmen sind ja nur ein Aspekt des Festivals, für die meisten geht's hier mehr ums liebe Geld.

          150 Millionen Euro, so hat die Lokalpresse errechnet, blieben unterm Strich in Cannes hängen. Davon könnte man sich natürlich was Hübsches kaufen, aber wenn man bedenkt, wie viele Leute hierher kommen und was schon ein Kaffee kostet, nicht zu reden von den Hotelpreisen, dann scheint die Summe gar nicht so astronomisch.

          Je mehr Boote, desto besser fürs Kino

          Denn schließlich ist die Croisette in diesen Tagen voll mit Leuten, deren einziges Ziel es zu sein scheint, so viel Geld wie möglich zu verbrennen. Und wenn man nachts hinausblickt auf die Bucht vor Cannes, dann zählt man allein fünfzig Großyachten, die dort ankern und für deren Besitzer es wahrscheinlich keine Rolle spielt, ob sie auf der Terrasse des „Carlton“ zehn Euro für ein kleines Bier zahlen.

          Terrasse des „Carlton”: zehn Euro für ein kleines Bier
          Terrasse des „Carlton”: zehn Euro für ein kleines Bier : Bild: AP

          Und im Grunde muss man es ja auch so sehen, dass es umso besser fürs Weltkino ist, desto mehr Boote den Blick zum azurblauen Horizont verstellen. Denn dort ist das Geld zu Hause, das sich mit dem Kino vermählen möchte, um sich in seinem Glanze sonnen zu können. Denn der strahlt immer noch heller als die Sonne über Südfrankreich.

          Je näher den Stars, desto ferner der Blick

          Grundsätzlich gilt: Je näher man den Stars kommt, desto ferner blicken sie zurück. Insofern darf es schon als Höhepunkt gelten, dass beim Champions-League-Finale, zu dem sich alle kurioserweise im amerikanischen Pavillon versammelt hatten, auch Jurypräsident Stephen Frears und der Schauspieler Malcolm McDowell anwesend waren, um vergeblich Liverpool die Daumen zu drücken. Das bringt einem solche Typen doch auch menschlich näher.

          Die beiden kamen auch auf die Bühne, als es darum ging, eine Dokumentation über den Regisseur Lindsay Anderson vorzustellen, der hier 1968 völlig zu Recht mit „If . . .“ die Goldene Palme gewonnen hat und seither ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Die Doku von Mike Kaplan besteht im Wesentlichen daraus, dass er Andersons Lieblingsdarsteller Malcolm McDowell dabei filmt, wie der auf der Bühne über seinen Mentor redet und dabei zwar eher selbst im Mittelpunkt steht, es dabei aber trotzdem schafft, Licht auf jemanden zu werfen, der dem englischen Kino neue Wege gewiesen hat.

          Der Mann liebt das Kino einfach

          Bester Beweis für den Erfolg des Unternehmens war, dass auch Quentin Tarantino gekommen war, der vom Festivalchef Thierry Frémaux dann auch gleich begrüßt wurde mit den Worten, kein offizieller Festivalgast sei in so vielen Filmen zu finden wie er. Der Mann liebt das Kino einfach - und zwar nicht nur jene Exploitation-Filme, denen er mit „Death Proof“ ein Denkmal gesetzt hat, sondern eben alles. Das ist ja auch der ganze Witz an der Cinephilie, und deswegen wird Tarantino auch in Cannes so geliebt. Und natürlich ist es nach der eisigen Arroganz des Vorgängers Gilles Jacob jedes Mal ein Vergnügen, Frémaux zu erleben, der das Kino genauso liebt.

          Aber worin diese Liebe besteht, ist natürlich umstritten. Für manche zählt der Ungar Béla Tarr zu den Giganten des Weltkinos, für die anderen war seine Verfilmung von Simenons „L'homme de Londres“ eine selbstgefällige Stilübung, die zwar der Vorlage in manchen Punkten gerecht wurde, aber im entscheidenden Punkt nicht: Simenon hat seine Leser nie gelangweilt.

          Wozu einfach, wenn es auch kompliziert geht

          Tarr dagegen klettert in der ersten Filmminute mit der Kamera langsam einen nächtlichen Schiffsbug hinauf, als gelte es, die Erstbesteigung des Nanga Parbat zu filmen - und zehn Minuten später tritt der Film immer noch auf der Stelle, mal sieht man Passagiere vom Schiff in einen wartenden Zug steigen, mal Männer auf dem Hafenkai um einen Koffer streiten.

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