https://www.faz.net/-gqz-si8q

Cannes : Die letzten Tage der Menschheit

Eine Mischung aus Science-fiction-Thriller und Musical: „Southland Tales” von Richard Kelly Bild: Festival

Man kennt es aus den vergangenen Jahren: „America Bashing“ und Kaurismäkische Traurigkeit an der Croisette. Richard Kellys „Southland Tales“ hingegen sprengen alles, was in Cannes bisher zu sehen war.

          3 Min.

          Aki Kaurismäki ist regelmäßiger Gast in Cannes, und seine Filme sind selten kontrovers, immer unendlich traurig, stets auch komisch. „Laitakaupungin valo“ (Licht in der Dämmerung) ist auch so ein Film. Sehr sorgfältig gearbeitet, mit Dialogen, die nur Kaurismäki schreiben kann und einer Ausstattung in wenigen Farben, dem Rot und Blau, das er immer benutzt. Der Film führt uns ins Leben eines Sicherheitsbeamten, der von der bösesten Frau, die Kaurismäki je erfunden hat, verraten wird. Es passiert eigentlich nichts, was uns überraschen könnte, aber dies ist einer dieser Filme, in denen man hofft, es käme nicht ganz so schlimm für die Hauptfigur, wie zu befürchten ist.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht erst, seit es jeden Tag einen neuen guten Anlaß gibt, ist „America bashing“ eine regelmäßige Übung in Cannes. Sie gleicht ein wenig die etwas devote Begeisterung aus, die den amerikanischen Stars hier gilt, seien es Tom Hanks oder Bruce Willis, der gekommen war, um Reklame für „Over the Hedge“ zu machen, einen Animationsfilm außer Konkurrenz, dessen Hauptfigur mit Willis' Stimme spricht.

          „America bashing“

          Man braucht sich nur daran zu erinnern, daß Michael Moore in Cannes eine Goldene Palme gewann, um zu bewundern, mit welcher Eleganz das Festival die Amerika-Schelte immer wieder gern den Amerikanern selbst überläßt. In diesem Jahr sind es der Dokumentarfilmer Davis Guggenheim und der ehemalige zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten, Al Gore, die uns mit „An Inconvenient Truth“ zeigen, wohin der American Way of Life die Welt führen wird - in die ökologische Katastrophe, was ja keine ganz überraschende Nachricht ist. Al Gore reist seit Jahren mit einer Diaschau über die Folgen der Erwärmung der Erdatmosphäre durch die Welt, und Guggenheim hat ihn dabei gefilmt und erzählen lassen. Nicht genug für ein Porträt des Politikers, der jenseits des Wahlkampfs eine gewisse Eloquenz entfaltet, wenn auch Humor und Ironie nicht seine Stärken sind. Die Absicht ist: Aufklärung und Aufruf zur Aktion, vor allem in den Vereinigten Staaten. Aufgrund der drastischen Grafiken und animierten Schaubilder, müßte die Elektroautoindustrie tatsächlich einem enormen Auftrieb entgegensehen, falls den Film genügend Zuschauer sehen.

          William Friedkin, der als Maniac gilt, sich in der „Quinzaine“ aber als unterhaltsam und völlig ungefährlich präsentierte, brachte die Verfilmung eines Off-Broadway-Stücks mit. „Bug“ ist ein kleiner Film über ein Paar im Verfolgungswahn, das in einem Motel in gottverlassener Einöde von Insekten befallen wird, die aus einem Militärlabor stammen sollen. Selbst Fans waren enttäuscht von der Vorhersehbarkeit, und das ständige Geschrei der Hauptfiguren (Ashley Judd und Michael Shannon) war schwer auszuhalten. Nicht jeder, der den Film sehen wollte, konnte dies auch, die Vorstellungen waren überfüllt. Daß allerdings Zuschauer, die sich in einen Friedkin-Film drängeln, das Kino empört wieder verlassen, sobald das erste Messer in einem Bauch steckt, zeugt davon, daß der Wunsch, dabei zu sein, offenbar größer ist als das Wissen, warum. „Meine wichtigsten Einflüsse“, sagte Friedkin vor der Vorstellung, „kommen aus Frankreich, von Feuillade bis zur Nouvelle Vague. Wenn Ihnen also der Film nicht gefällt, machen Sie bitte die Franzosen verantwortlich.“ Was hiermit geschieht, obwohl dieser Einfluß gerade in „Bug“ nicht spürbar ist.

          Überaus graphische Sexszenen

          Die Liste der Einflüsse, die die Phantasie von Richard Kelly speisen, würde diesen Artikel sprengen. Und um zu verstehen, warum er seinen Film „Southland Tales“, der im Wettbewerb lief, „irgendwie ein Remake von ,Kiss Me Deadly'“ nennt, müßte wohl mehrfach diesen Film sehen, der alles sprengte, was bisher in Cannes lief. Zunächst die Genres. „Southland Tales“ ist eine Kreuzung aus Science-fiction-Thriller, Musical, Actionfilm und schwarzer Komödie mit einem Soundtrack (hauptsächlich von Moby und an signifikanter Stelle einem „Killer“-Song), auf dem die Textzeilen jedes Lieds in irgendeinem Bezug zur Handlung stehen. Diese spielt in den letzten Tagen der Menschheit zwischen einem nuklearen Terroranschlag auf Texas und einer Kreuzung der Raum-Zeit-Linie, in der die Welt verschwinden wird - keine ganz taufrische Idee.

          Die Schauspieler - Dwayne „The Rock“ Johnson, Sarah Michelle Gellar, um nur die wichtigsten zu nennen - sind in völlig anderen Filmen berühmt geworden. Los Angeles, wo der Film gedreht wurde und auch spielt, ist eine grandiose Kulisse für die Vermischung von Politik und Celebrity-Kult, drogenverblendete Aktionen und verrückte Wissenschaftler, für Scharfschützen am Strand und Pornostars mit Talk-Shows oder Waffenhändler in Eiskrem-Wagen. Wie schon bei Kellys vorangegangenen Film „Donnie Darko“ sagen die Auguren der Branchen-Blätter „Southland Tales“ keine Zukunft voraus, aber sie haben sich auch beim Erstling schon geirrt. In Cannes jedenfalls, wo es recht gepflegt und trotz einiger überaus graphischer Sexszenen bisher noch keine Aufregung gab, ist Kellys Film mit seinem deutlichen B-Film-Touch und seiner Begeisterung für die verschiedenen Medien, in denen sich vom Schrecken der Zukunft erzählen läßt, eine willkommene Unverschämtheit.

          Weitere Themen

          Supermans Umhang unter dem Hammer Video-Seite öffnen

          Aus erstem Film : Supermans Umhang unter dem Hammer

          Der erste Superman-Umhang aus einem Hollywood-Film und die Pfeife des Bilbo Beutlin aus Herr der Ringe kommen bei einer großen Hollywood-Auktion unter den Hammer.

          Nennen wir es Innigkeit

          Raffaels Madonnen in Berlin : Nennen wir es Innigkeit

          Die Berliner Gemäldegalerie läutet die Feierlichkeiten zum fünfhundertsten Todestag des Malergenies Raffael mit einer Kabinettausstellung seiner Madonnenbilder ein. Dabei wäre auch ein größerer kulturhistorischer Überblick möglich gewesen.

          Topmeldungen

          Ringen um Abschlusspapier : Scheitert die Klimakonferenz?

          Es geht um die Absichtserklärung für mehr Klimaschutz: Die fast 200 Staaten können sich nicht einigen. Die Verhandlungen, die Freitag enden sollten, gehen in die zweite Nacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.