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Cannes : Die Kamera im Nacken

Zwei komische Vögel, die es ernst miteinander meinen: Kara Hayward als Suzy und Jared Gilman als Sam Bild: dpa

Leichte Töne, intensive Blicke: Mit Wes Andersons „Moonrise Kingdom“ und Jacques Audiards „De Rouille et d’os“ beginnt Cannes verheißungsvoll.

          3 Min.

          Dem Aufruf der Filmemacherinnen, die dagegen protestiert haben, dass wieder einmal keine einzige Regisseurin im Wettbewerbsprogramm vertreten ist, haben sich inzwischen Frauen aus der ganzen Welt angeschlossen, unter ihnen Gruppen wie „Women and Hollywood“, prominente Feministinnen wie Gloria Steinem und Filmfestivals wie das Frauenfilmfest in Dortmund/Köln. Gefordert wird, die Auswahlentscheidungen für das Programm transparent zu machen. Das wird nicht zu haben sein.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Problem, um das es geht, wird in Cannes ja auch nur sichtbar: dass die Filmindustrie weltweit eine sexistische Angelegenheit ist. Das wird sich vermutlich zu unseren Lebzeiten nicht mehr ändern. Jeder Blick auf die herrlichen Fototapeten im Festivalpalast, auf denen Marlene Dietrich eine Geburtstagstorte anschneidet, Veronica Lake uns ungerührt taxiert, während eine andere die Arme hochwirft und aus einer Torte steigt, erinnert uns daran.

          Jugend auf der Flucht

          Was es bisher zu sehen gab: einen wie immer hochstilisierten Wes-Anderson-Film, „Moonrise Kingdom“, zur Eröffnung. Er setzte erst mal einen leichten Ton. Wir werden das noch gut brauchen können, leichte Töne sind bei Filmfestivals eher nicht die Regel. Ein Pfadfinder und ein Mädchen, das gern Bücher liest, verlieben sich und fliehen gemeinsam von zu Hause - sie sind zwölf, aber ihre Gefühle sind so ernst wie die jedes Erwachsenen, was auch die, die sie suchen, die Eltern, die Pfadfindertruppe, der Sheriff und sein Vorgesetzter, nicht in Frage stellen. Nur die Dame vom Jugendschutz kennt kein Erbarmen.

          “Was bist du denn für ein Vogel?“ Das ist, wenn man sich hier so umschaut, eine kluge Frage, überhaupt sind die Kinder bei Wes Anderson, der immer noch aussieht, aus könnte er sich unauffällig unter sie mischen, sehr eigene Geschöpfe. Das Mädchen, Suzy (Kara Hayward), hat meistens ein großes Fernglas vorm Gesicht, als wollte sie schon mal nachschauen, wo es in Zukunft langgeht, der Junge, Sam (Jared Gilman), trägt eine viereckige Brille, um erkennen zu können, was gerade jetzt passiert. Die Erwachsenen um sie herum sind sämtlich Stars: Bruce Willis als Sheriff, Edward Norton als Pfadfinder-Oberlehrer, Bill Murray und Frances McDormand spielen Suzys Eltern und Tilda Swinton die Hexe vom Jugendamt, die hinter Sam her ist, er ist Waise. Ort des Geschehens ist ein Leuchtturm an der Küste Neuenglands, in dem Suzys Familie wohnt, und die Zeit ist Mitte der Sechziger. Es gibt jede Menge authentischer Details, das Fernrohr, einen Plattenspieler, die entsprechende Kleidung, Autos, Walkie-Talkies, und das alles, mit Liebe zum rechten Winkel gedreht, sieht sehr hübsch aus.

          Cannes 2012 : "Moonrise Kingdom"

          Jacques Audiard, der „De Rouille et d’os“ im Wettbewerb zeigte, gehört mit jedem Film zu den Preisanwärtern bei Festivals. Auch ohne von der Konkurrenz schon viel gesehen zu haben, kann man vermuten, dies ist auch jetzt wieder so. Seine Art des physischen Filmemachens, wie er seinen Figuren im Nacken sitzt, wie die Kamera ihre Schmerzen zu spüren scheint, ihren Körpern ganz nah ist, nicht, um ihre Seele zu suchen, sondern um ihren animalischen Instinkten, Begierden und Kämpfen ihr eigenes Recht zu geben, das ist einmalig und immer von neuem von immenser Intensität.

          Hier geht es um Ali, gespielt von dem bulligen Belgier Matthias Schoenaert, der sein Gehalt als Türsteher eines Clubs mit illegalen Faustkämpfen aufbessert. Und um Maria, die in einem Vergnügungspark Killerwale trainiert. Es liegen Klassen zwischen den beiden, das macht schon die Wahl der Darstellerin klar, es ist Marion Cotillard. Die beiden kommen aber doch zusammen, nachdem Maria bei einem schrecklichen Unfall ihre Beine verloren hat. „Na, Robocop“, sagt Ali einmal, als sie auf ihren Prothesen mit einem Haufen Geld in der Hand von ihrer Wettverhandlung mit den wilden Männern bei einem seiner Kämpfe zurückkommt. Das ist die Haltung Audiards: Ohne peinliches Mitleid lässt er die Würde seiner Figuren unangetastet.

          Cannes 2012 : "De Rouille et d'os"

          Ali hat einen Sohn, doch das vergisst er immer, bis die beiden am Ende zusammenfinden. Blut für Geld, Schlagen, um zu überleben, finanziell und innerlich, sich hinzugeben, ohne etwas preiszugeben, das war der Modus bis in die letzten Szenen hinein. Dann plötzlich sind die Schläge, die Fäuste, das Blut für etwas anderes gut. Eine Rettung. In der aus dem Animalischen der Mensch hervorbricht. Für ein paar Augenblicke schaut Audiard dabei zu. Dann ist der Film zu Ende, und wir denken beim Verlassen des Kinos nicht an Behinderte und ihre Probleme, soziales Elend und verlassene Kinder, obwohl wir all das gesehen haben, sondern an einen Jungen, der sich bei den Hunden wärmt, an die Gesten, mit denen Marion Cotillard wie eine tänzerische Verkehrspolizistin die Wale dirigiert, und an das Blut, im Meer, wo es schnell verwässert, und das Blut unter Alis Kopf, wie es im Sand versickert.

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