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Cannes 2009 : Grausamkeit kennt keine Grenzen

Beste Darstellerin: Charlotte Gainsbourg in „Antichrist” Bild: dpa

Die Krise war beim Filmfestival in Cannes nur da zu spüren, wo es um Geschäfte ging. Das Programm versammelte einen Querschnitt durchs Weltkino, das lebendiger ist, als in letzter Zeit behauptet wird: Es gab selten einen derart starken Jahrgang in Cannes.

          3 Min.

          Der Film mit der grausamsten Szene in einem an Grausamkeit reichen Festival hat in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Michael Hanekes „Das weiße Band. Eine deutsche Kindergeschichte“, eine mehrheitlich deutsche Produktion des österreichischen Regisseurs mit Wohnsitz in Paris, wurde vor allem von den nichtdeutschen Kritikern als eine Studie aus der Vor-Nazizeit gesehen, in der sich das totalitäre Deutschland bereits ankündigt. Tatsächlich steht im „Weißen Band“ der autoritäre Charakter in voller Blüte. Dass der Weg dann zwangsläufig zur Hitlerbegeisterung führen musste – so einfach und so kausal allerdings geht es bei Haneke nie zu, auch hier nicht.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir finden uns in diesem Schwarzweißfilm in Eichwald, einem Dorf im protestantischen Norden Deutschlands, wieder. Die Zeit sind die Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Gut die Hälfte der Dorfbevölkerung arbeitet im Dienst des Barons (Ulrich Tukur). Stärker noch als sein Einfluss allerdings ist der des Pfarrers (Burghart Klaußner), der den Kinderchor leitet und den Konfirmandenunterricht und der die Arme seines Sohns ans Bett fesselt, um ihn vom Masturbieren abzuhalten. Überhaupt ist das Familienleben in Eichwald geprägt von der Züchtigung der Kinder und der Missachtung und häufig sogar dem Missbrauch der Frauen, auch der eigenen Tochter, wie in einem Fall angedeutet wird.

          Merkwürdige Unglücksfälle

          Es geschehen merkwürdige Unglücksfälle in Eichwald. Der Arzt stürzt vom Pferd, das sich in einem Draht verfangen hatte, der zwischen zwei Bäumen über dem Zugang zum Arzthaus gespannt war. Eine Scheune geht in Flammen auf. Ein behindertes Kind verschwindet. Eine Bäuerin stirbt bei einem Unfall, woraufhin ihr Sohn das Kind des Barons zusammenschlägt und an den Füßen in der Scheune aufhängt. Vor allem aber die Kinder des Pfarrers machen sich verdächtig, mit dem einen oder anderen Vorfall etwas zu tun zu haben – was genau, das erfahren wir jedoch nicht.

          Michael Haneke nahm den Preis von Isabelle Huppert entgegen

          Die Bösartigkeit der Figuren, einige der Kinder eingeschlossen, schnürt einem die Luft ab, und Hanekes Weltsicht, dass das Böse sich von Generation zu Generation vererbt, erzeugt eine Enge, die physisch spürbar ist. Nur die Stimme des Erzählers, weich und melodisch, sorgt für etwas Distanz. Sie gehört dem Lehrer des Dorfs, der während dieser unglücklichen Zeit seine erste Liebe erlebt. Das Ganze ist in äußerster Strenge erzählt, ohne Musik außer der, die von den Figuren selbst gespielt wird, und mit großer Aufmerksamkeit fürs Ausstattungsdetail, für die Kostüme, Frisuren, die Wege im Ort, die Handwerkszeuge. Und wenigstens die Kamera von Christian Berger erlaubt uns manchmal einen weiteren Blick auf die Felder, der die klaustrophobische Stimmung momentweise aufhellt. Am Ende ist die Dorfgemeinschaft von gegenseitigen Verdächtigungen vergiftet.

          Der Höhepunkt für Haneke

          Michael Haneke hat schon mehrfach Preise in Cannes gewonnen, diese Goldene Palme, empfangen aus den Händen einer seiner großen Darstellerinnen, Isabelle Huppert, aber ist der bisherige Höhepunkt für ihn. So sagte er am Sonntagabend, und es klang ehrlich.

          Furchtlosigkeit war offenbar ein Kriterium, das von der Jury hoch bewertet wurde, dafür sprechen jedenfalls die Preise für den „Prophète“ von Jacques Audiard, der in den Kritikerumfragen immer ganz oben stand, und auch die Auszeichnung des Philippinen Brillante Mendoza für „Kinatay“, einen Film, der fast niemandem gefiel. Und dass Charlotte Gainsbourg für ihre Tour de force für Lars von Trier als „Antichrist“ als beste Schauspielerin des Festivals von einer Jury ausgezeichnet wurde, in der drei ihrerseits ins Extreme gehende Darstellerinnen saßen – das war fast zwangsläufig. Ob damit auch der Film gemeint war, wie Charlotte Gainsbourg es deutet, ist nicht ausgemacht. An Christoph Waltz als bestem Darsteller wiederum in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ führte kein Weg vorbei (Cannes-Sieger Christoph Waltz: Der sanft säuselnde Psychopath).

          Enorme Ernsthaftigkeit

          Es gab selten einen derart starken Jahrgang in Cannes. Fast keiner der Filme im offiziellen Programm ließ einen kalt, und dass am Ende ein großartiger wie Jane Campions „Bright Star“ oder ein perfekter wie Johnnie Tos „Vengeance“ leer ausgingen, ohne dass man sagen könnte, welcher der Preisfilme denn für sie hätte Platz machen sollen, das ist schon ein Zeichen für einen außerordentlich gut besetzten Wettbewerb.

          Natürlich waren nicht alle Filme gut, manche überzeugten bis zur Hälfte oder über zwei Drittel der Zeit und stürzten dann ab. Viele waren zu lang. Einer, Gasper Noés „Enter the Void“, durchweg in subjektiver Kamera gedreht, war noch nicht einmal richtig fertig. Aber immer teilte sich in den Filmen die Begeisterung fürs Kino und eine enorme Ernsthaftigkeit dem eigenen Metier gegenüber mit, die alles Gerede von einer sterbenden Kunst für eine Weile vergessen ließen.

          Quentin Tarantino hat sich mit „Inglourious Basterds“ einen Traum erfüllt und das Dritte Reich mit den Kräften des Kinos zum Untergang gebracht. Diese Unbedingtheit, an die Bedeutung des Kinos zu glauben, teilte er in diesem Jahr mit allen Filmemachern. Das ist, wenn man sich an andere Jahre, andere Festivals erinnert, in denen Filme in jeder Mittellage den Wettbewerb bestimmten, gar nicht selbstverständlich, und es hat schon auch damit zu tun, dass der Mainstream weitgehend außen vor blieb.

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