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Cannes 2004 : Digitalgespenster im Wald der Fiktionen

  • -Aktualisiert am

Was Godard haßte

Das einzige, was an "Comme une image" irritiert, ist die im Vorspann ausgesprochene Widmung an Jean-Luc Godard. Denn Godard hat genau diese Art von Geschichten immer gehaßt: Liebesschmerzen von Leuten in gesicherten Verhältnissen, Väter und Töchter, Ehefrauen und Ehemänner, rivalisierende Romanciers und deren Neurosen in Landhäusern mit schattigen Gärten, romanische Kirchlein zwischen Weizenfeldern und Eifersuchtsdramen zum Dessert.

Agnès Jaoui aber, die ihren Film viel lieber dem unvergleichlichen Claude Sautet hätte widmen sollen, webt aus alledem einen wundermilden, wunderbar ungekünstelten Episodenteppich, der um die zentrale Figur der unglücklichen jungen Sopranistin Lolita (Marilou Berri) ein Ensemble vertrauter französischer Kinogestalten gruppiert, den Dichter in der midlife crisis (Jean-Pierre Bacri), die kinderlose Gesangslehrerin (von der Regisseurin selbst gespielt), die aufopferungsvolle Blondine (Virginie Desarnauts), den sensiblen jungen Araber (Keine Bouhiza) und andere mehr.

Überdruß am eigenen Leben

Lolita ist übergewichtig und schon deshalb die ideale Heldin für einen Film, in dem es um die Wehwehchen einer Wohlstandsgesellschaft geht, die Langeweile, den Narzißmus, den Überdruß am eigenen Leben; aber der Blick, den Agnès Jaoui auf das Mädchen und dessen Umgebung wirft, ist nie denunzierend oder auch nur parteiisch, er läßt jeden zu Wort kommen, den Schwätzer wie den Gelehrten, den gefühlsarmen Vater ebenso wie die Tochter, die um seine Zuneigung wirbt. Das bürgerliche Kino, wie Jaoui, Claude Chabrol und andere es betreiben, ist vielleicht eines der sichersten Refugien der Realität im Film, weil Spezialeffekte in diesem Milieu sowenig helfen wie Dogmen und Manifeste. Auch hier gibt es Klischees, vorfabrizierte Fiktionen, aber sie sind die Doppelgänger unserer klischeehaften Alltagswelt.

Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri, ihr Ehemann, haben in Cannes einen Preis für ihr Drehbuch zu "Comme une image" bekommen, und auch Apichatpong Weerasethakul wurde für sein filmisches Märchen aus Thailand mit einem Spezialpreis belohnt. Mit der Goldenen Palme für Michael Moores "Fahrenheit 9/11" aber hat die Jury unter dem Vorsitz von Quentin Tarantino sich vor den ästhetischen Herausforderungen dieses Festivals gedrückt und eine politisch geprägte Entscheidung getroffen, wie sie der aufgeheizten Atmosphäre dieses Kriegs- und Wahljahres entspricht. Moore praktiziert in seinem Film eine Art von dokumentarischer Propaganda, die um so durchschlagender ist, als sie echte Fundstücke aus der multimedialen Schatztruhe mit erzwungenen visuellen Pointen verknüpft; aber ein Schritt nach vorn in der Geschichte der Kinematographie ist "Fahrenheit 9/11" nicht.

Abgedichtet von der Außenwelt

Das kann man auch von Tony Gatlifs "Exils" nicht behaupten, dessen Regiepreis wohl eher auf das Konto seiner guten Absichten als seiner gelungenen Einstellungen geht, oder von Park Chan-Wooks "Old Boy", der für seine Fusion von klassischem Kinothriller und postmodernem Manga-Märchen den Großen Preis der Jury empfing. Wenn "Old Boy" dennoch für die diesjährige Wettbewerbsauswahl von Cannes typisch war, dann durch die Art, wie er sich gegen die Außenwelt abdichtet.

Am Anfang der Geschichte wird der Held fünfzehn Jahre lang in einer fensterlosen Zelle eingesperrt, aber auch nach seiner Freilassung bleibt er ein Gefangener, denn die Räume, in denen er nach dem Auftraggeber seiner Kerkerhaft sucht, wirken wie luftdichte Szenarien seines Verfolgungswahns. Vielleicht wird man das Festival dieses Jahres einmal nicht für "Fahrenheit 9/11" und "Comme une image" in Erinnerung behalten, sondern dafür, daß mit "Shrek 2" zum zweiten Mal ein digitaler Animationsfilm und mit Mamoru Oshiis "Innocence" sogar zum ersten Mal ein japanischer Manga im Wettbewerb lief. So wie die Bäume im tropischen Urwald, in dem "Sud Pralad" spielt, werden auch ihre Bilder fallen. Das Kino ist in Cannes ein großes Stück vorangekommen auf seinem Weg in die Irrealität.

Die Preise der 57. internationalen Filmfestspiele von Cannes

Goldene Palme: "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore (Vereinigte Staaten)

Großer Preis der Jury: "Old Boy" von Park Chan-Wook (Südkorea)

Beste Schauspielerin: Maggie Cheung in "Clean" von Olivier Assayas (Frankreich)

Bester Schauspieler: Yuuya Yagira in "Nobody Knows" von Hirokazu Kore-eda (Japan)

Beste Regie: Tony Gatlif für "Exils" (Frankreich)

Bestes Drehbuch: Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri für "Comme une image" (Frankreich)

Preis der Jury: Irma P. Hall für "Ladykillers" von Joel und Ethan Coen (Vereinigte Staaten) und Apichatpong Weerasethakul für "Sud Pralad" (Thailand)

Goldene Kamera für den besten Debütfilm: "Mon trésor" von Karen Yedaya (Israel)

Goldene Palme für den besten Kurzfilm: "Trafic" von Catalin Mitulescu (Rumänien)

Preis der Reihe "Un Certain Regard": "Moolaadé" von Sembene Ousmane (Senegal)

FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik: "Fahrenheit 9/11"

Preis der ökumenischen Jury: "Diarios de Motocicleta" von Walter Salles (Argentinien)

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