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Byumbasuren Davaa : Ein Kamel geht nach Hollywood

Die Filmemacherin Byambasuren Davaa Bild: F.A..Z - Foto Cornelia Sick

Mit ihrem Film über ein uraltes Ritual aus der Mongolei erfüllte sie sich einen Kindheitstraum. Doch der Traum geht noch weiter: Sie wurde jetzt für den Oscar nominiert. Ein Gespräch mit Byambasuren Davaa.

          Byambasuren Davaa ist eine großartige Erzählerin: weil sie sich in ihren Geschichten verliert; weil sie jede Szene, die sie in Worte kleidet, noch einmal erlebt; weil ihre Stimme wie die einer Märchentante klingt, der man stundenlang zuhören möchte; und weil sie jeden Satz in ihren unruhigen Händen noch einmal umzudrehen scheint.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Viel lieber jedoch erzählt Byambasuren Davaa in Bildern, in leisen, zurückhaltenden Bildern, die sich im Gedächtnis verankern. So wie der Film "Die Geschichte vom weinenden Kamel", den die Studentin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Luigi Farlorni gedreht hat und der nun in der Kategorie Bester Dokumentarfilm für den Oscar nominiert ist.

          Zeit und Entfernung kapitulieren

          Die Geschichte spielt in der Mongolei, im südlichen Teil der Wüste Gobi, dort, wo Begriffe wie Zeit und Entfernung vor der Weite des Landes kapitulieren. Ein Kamel wird geboren. Seit Stunden schon wälzt sich die Stute im Wüstensand, steht auf, taumelt, zuckt und sinkt unter einem milchig-blauen Himmel wieder in die Knie.

          Kandidat für Dokumentarfilm-Oscar: „Die Geschichte vom weinenden Kamel”

          Der Kopf des Jungtieres erscheint; sehr vorsichtig ziehen zwei Nomaden an den Gliedmaßen, befreien Mutter und Kind von ihren Qualen. Das Kamel, das sich den Weg in die Welt so hart erkämpfen muß, ist ein besonders hübsches - und es ist weiß. Rasch stellt es sich auf seine dünnen Beine und pirscht sich wackelnd an die Mutter heran, als wäre es betrunken. Die Mutter aber trabt davon.

          Alles geht seinen natürlichen Gang

          Dieser Film erzählt vom Verlust und Wiedergewinn der Liebe, von Sehnsucht und Geborgenheit, von der Weite des Landes und von dessen Menschen. Und dabei gelingt das schier Unmögliche: Es gibt nicht einen Augenblick, in dem die Geschichte das Spiel mit den Emotionen zu verlieren droht oder in seichtes Gewässer abgleitet.

          Alles, so scheint es, geht seinen natürlichen Gang, und wie zufällig steht immer eine Kamera in der Nähe, die alles festhält: Man sieht, wie zwei Nomadenkinder den Weg in die nächstgelegene Stadt antreten, wie sie zuversichtlich ihre Kamele satteln und in der Hoffnung losreiten, dort den Geiger zu finden, der durch sein Spiel das Herz der Kamelmutter erweichen kann - so will es ein altes Ritual.

          Eine Idee, ein Skript und Hoffnung

          Und so geschieht es auch, ganz leise, in der Einsamkeit der Wüste Gobi. Es ist der schönste Moment einer sehr schönen Geschichte. Auch für das Filmteam, für Byambasuren Davaa, die hoffte, bangte, weinte und schließlich, als alles wunderbar geklappt hatte, es kaum fassen konnte.

          "Wir hatten kein Drehbuch", sagt sie etwas verlegen. Ihre Worte klingen, als müsse sie sich dafür entschuldigen. "Wir hatten eine Idee, ein Skript und unsere Hoffnung."

          Großmutters Geschichten

          Byambasuren Davaa ist Mongolin und wurde 1971 in der Hauptstadt Ulan Bator geboren. "Wir, meine sechs Geschwister und ich, sind die erste Stadtgeneration", sagt sie. Dennoch sei ihr das Nomadendasein vertraut; schließlich zogen die Eltern und Großeltern viele Jahre mit ihren Tieren durch die Wüste, bevor sie in die Stadt kamen.

          Von dieser Zeit erzählte ihr die Großmutter oft wunderbare Geschichten, die stets einen märchen- und fabelhaften Charakter besaßen und von denen sie bis heute kaum eine vergessen hat. Wie ihr auch jenes Versöhnungsritual keine Ruhe mehr ließ, seit sie in einer Dokumentation des mongolischen Fernsehens davon hörte. Nun hat sie ihren eigenen Film darüber gedreht und sich damit gleichsam einen Kindheitstraum erfüllt.

          Glück beim zweiten Anlauf

          Ihre Liebe zu bewegten Bildern ließ sie an der Hochschule Ulan Bators acht Semester Filmgeschichte studieren, unter Bedingungen, die sie heute als miserabel bezeichnet. Dem Institut fehlte das Geld. Einen exotischen Studiengang wie den ihren wollte und konnte niemand unterstützen.

          Daß ihr der Abschluß keine Perspektiven bot, paßte nur ins Bild; auf eine Filmemacherin hatte die Mongolei nicht eben gewartet. Ihren Weg verfolgte sie dennoch hartnäckig und bewarb sich an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Der erste Versuch scheiterte, weil sie ihr Visum nicht rechtzeitig erhielt; beim zweiten hatte sie Glück.

          Tränenreicher Abschied von der Großfamilie

          1999 verließ sie Ulan Bator Richtung Deutschland, weil sie hier keine Studiengebühren zahlen mußte, denn die hätte sie sich nicht leisten können. Der Abschied sei tränenreich gewesen, sagt sie, weil ihr die Geborgenheit innerhalb der Großfamilie sehr viel bedeute.

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