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Anthony Hopkins wird 80 : Gott spielen kann nur, wer den Teufel kennt

Das Knopfauge des Grauens: Anthony Hopkins in Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ von 1991 Bild: DAVIDS/Filmarchiv Wippitsch

Ein Meister der konzentrierten Zurückhaltung: Anthony Hopkins, der als Butler Stevens und als Psychopath Hannibal Lecter zwei Ikonen zerstörerischer Kontrollsucht verkörperte, wird achtzig Jahre alt.

          4 Min.

          Schauspieler wollte er werden, nachdem er fünfzehn Mal hintereinander Chaplins „Limelight“ gesehen hatte. Im Stadtkino von Port Talbot, seiner südwalisischen Geburtsstadt, wo die Eltern eine Bäckerei betrieben und wo er, der junge Anthony, immer ein Außenseiter blieb: Weder in der Schule noch beim Sport war er erfolgreich. Nur sein Klavierspiel machte ihm Hoffnung. Aber als eine Internatslehrerin ihn dazu antreiben wollte, noch besser zu werden, bekam er Hemmungen und hörte gleich ganz auf. Zum Jagen tragen lassen wollte er sich von Anfang an nicht. Ratschläge zur Verbesserung seiner Leistung konnte Anthony Hopkins nie ertragen – weder im Leben noch beim Spielen.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          In einem Interview während der Dreharbeiten zu „The Elephant Man“ – David Lynchs erstem größerem Film von 1980 –, in dem er einen unnahbaren viktorianischen Arzt spielt, der einen abstoßend entstellten Menschen aufliest und sich fürsorglich um ihn kümmert, hat Hopkins ein wenig angeberisch und doch unverblümt sein zentrales Darstellerbekenntnis abgelegt. Am dramatischen Wendepunkt des Films, als dem Arzt die Rückkehr des Monstrums gemeldet wird, gibt es eine Großaufnahme, um seine mimische Reaktion zu zeigen. Doch Hopkins sitzt nur ruhig da und zeigt nichts als: „ein ausdrucksloses Gesicht. Mehr als das muss ich gar nicht machen. Aber der Regisseur will immer, dass man es zeigt. Dass man die Szene spielt. ‚Ich weiß nicht recht, Tony‘, sagt er, ‚könnten Sie nicht ein bisschen mehr zeigen?‘ Nein, sage ich! Nein, es gibt nichts zu zeigen. Wenn man mehr zeigt, dann ist das einfach schlecht gespielt.“

          Hopkins konnte nicht viel anfangen mit dem jungen amerikanischen Regietalent, das mit braunem Filzhut und Turnschuhen zum Drehen kam, aber im Grunde wollte er in dem Interview weniger den Regisseur vorführen, als seine eigene Art des um jeden Preis zurückhaltenden Spiels verteidigen. Diese enorm kontrollierte, beinahe stoische Haltung, auf alles gefasst, unerschütterlich, man könnte fast meinen von kaltem Gleichmut besessen, wenn nicht aus seinen vieldeutigen Augen im entscheidenden Moment doch ein winziger Widerschein der inneren Bewegung hervorblitzte.

          Einen absoluten Höhepunkt seines Stils erreichte Hopkins 1993 als durch und durch gemütsdisziplinierter Butler Mr. Stevens in „Was vom Tage übrig blieb“. Kein Schritt, kein Wort, keine Geste unterläuft ihm hier. Hopkins verbietet sich den äußeren Anschein jeder Gefühlsregung. Er zeigt nichts, als der Vater stirbt, nichts, als die heimlich verehrte Wirtschafterin ihm ihre bevorstehende Heirat mitteilt – nur ein leises Ausatmen durch die halb geöffneten Lippen. Sein glattes, bewegungsloses Gesicht, das alles überschaut und erträgt, sein Ton, der immer unnahbar bleibt, provoziert und hält auf Distanz. „Warum müssen Sie immer verbergen, was Sie fühlen?“, möchte man mit Emma Thompson – seiner virtuosen Spielpartnerin – fragen. Warum seufzt er nicht wenigstens einmal? Wieso wird ihm das Auge nie feucht? Aber solche landläufigen Emotionen sind ihm zu billig. Für einen leichtfertigen Seufzer ist das Leben zu schwer. Da braucht es viel mehr. Oder eben weniger.

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