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Kino: „Berlin Alexanderplatz“ : Über den Rand der deutschen Wirklichkeit

Ein Bild kann mehrdeutiger sein als tausend Worte: Francis (Welket Bungué) und Eva (Annabelle Mandeng) bei einem Kostümfest in Burhan Qurbanis Film. Bild: eOne Germany

Burhan Qurbani hat Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ neu verfilmt. Sein Held ist ein Flüchtling aus Afrika, der ins Berliner Drogenmilieu gerät. Kann das gutgehen?

          5 Min.

          Im Oktober letzten Jahres wurde im Görlitzer Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg eine Statue des amerikanischen Konzeptkünstlers Scott Holmquist aufgestellt. Sie zeigte einen Mann mit afrikanischen Gesichtszügen, der in der rechten Hand ein Mobiltelefon hält, während die linke zur Faust geballt ist. Die Statue, erklärte Holmquist, sei eine Hommage an die Dealer im Görlitzer Park, die „heldenhafte Arbeit“ leisteten, denn sie setzten ihre Freiheit für den Kampf gegen „das Drogenverbot der Gesellschaft“ aufs Spiel. Das Denkmal hieß „Last Hero“. Nach einem Tag wurde es wieder abgebaut. Man kann es auf der Website des Künstlers betrachten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Kreuzberger Dealerdenkmal ist der heimliche Zwilling von Burhan Qurbanis Film „Berlin Alexanderplatz“ – auch wenn man drei Stunden Kino und eine Skulptur nur bedingt vergleichen kann. Auch der Film porträtiert einen Mann aus Afrika, der zu einem Drogendealer-Netzwerk in Berliner Parks gehört, und seine Hauptfigur trägt ebenfalls heroische Züge. Aber anders als Scott Holmquists Heldenstatue kann Qurbanis Film die Vorgeschichte dieses Mannes darstellen. Und anders als ein Bildhauer kann Qurbani diese Geschichte weitererzählen, mit allen Konsequenzen. Dazu bedient er sich einer Vorlage aus den zwanziger Jahren, eines der bekanntesten Romane der deutschen Literatur: Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Das ist sein Geniestreich, seine große Idee, aber damit beginnen auch seine erzählerischen Probleme.

          Ein Star aus dem Nichts

          Döblins Buch ist schon so lange Schulstoff, dass man davor zurückzuckt, seinen Inhalt noch einmal wiederzugeben; auch Qurbani hat sich, wie er in Interviews berichtet, im Abitur mit der Interpretation der Geschichte abgequält. Aber einiges spricht dafür, dass der Nachruhm des Romans seinen Höhepunkt überschritten hat. Seine Bekanntheit unter deutschen Lesern nimmt ab. Deshalb ist es vielleicht nicht ganz überflüssig, darauf hinzuweisen, dass „Berlin Alexanderplatz“, anders als vielerorts kolportiert, nicht von einem Liebesdreieck handelt, sondern vom Überlebenskampf eines einzelnen Mannes in der Großstadt. Die Idee mit dem Liebesdreieck stammt von Rainer Werner Fassbinder, der den Roman 1980 in eine fünfzehnstündige Fernsehserie verwandelt hat, und seine Wirkungsmacht ist so groß, dass sie bis heute unseren Blick auf Döblins Werk bestimmt. Aber Döblins Idee war eine andere.

          Der einzelne Mann heißt bei Döblin Franz Biberkopf und bei Qurbani Francis. Im Film wird er von Welket Bungué dargestellt, einem in Guinea-Bissau geborenen, in Deutschland lebenden portugiesischen Schauspieler. Bungué ist mehr als eine gute Besetzung, er ist ein Fund: eine imposante, athletische Gestalt mit geschmeidigen Bewegungen und einem Gesicht, aus dem das Kino alles herauslesen kann, Gier, Freude, Furcht und Schmerz. Kein Jedermann, ein Star aus dem Nichts.

          Ein kleines bisschen Pietà: Francis (Welket Bungué) in den Armen von Mieze (Jella Haase)

          Der Film beginnt auf dem Meer. Nacht, Wellen, Angstschreie, eine Frau ertrinkt, ein Mann kann sich retten. Er wird an den Strand gespült. Es ist Francis. Dann eine Baustelle in der Mitte Berlins, eine Flüchtlingsunterkunft am Stadtrand, dunkelhäutige Männer, die schwarz arbeiten, deutsche Wörter lernen und auf Feldbetten schlafen. Und ein weißer Mann mit Baseballkappe, der verkrümmt geht wie ein Magenkranker und mit Fistelstimme Drogenverkäufer unter den Flüchtlingen anwirbt: „Ihr habt etwas Besseres verdient.“ Das ist Reinhold, Francis’ Gegenspieler, sein Freund, sein Versucher, sein Teufel.

          Döblins Idee bestand darin, in der Geschichte des Franz Biberkopf den Moloch der Großstadt darzustellen – und in ihrem Spiegel das ganze Getriebe der Moderne, die den Menschen und seine Seele auffrisst und verdaut. Qurbanis Idee besteht darin, mit Hilfe von Döblins Figur den Moloch Deutschland zu zeigen: seine Ausbeuter, seine Spießer, sein Glücksversprechen und seine ernüchternde Realität. Dabei ist ihm die filmische Form auf die Füße gefallen. Ein Spielfilm ist kein Epos. Und so kam Fassbinders Liebesdreieck zum Zug. Die Welt, zur Allegorie verdichtet, zieht sich in „Berlin Alexanderplatz“ auf drei Figuren zusammen: Francis, Reinhold und die Frau zwischen ihnen. Fassbinder brauchte einen langen Anlauf zu dieser Lesart, bei Qurbani lag sie schon bereit.

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